20.09.2018 – Storys & Specials

«Viele mussten sich täglich erklären»

Text: Miriam Suter

Vincenzo Paolino ist Präsident des Zürcher Vereins queerAltern. Für die LGBTQ-Community gibt es in der Schweiz noch kein Angebot für das fragile Alter – das will Vincenzo ändern.

Vincenzo Paolino sitzt auf der Terrasse des Café Odeon. Früher trafen sich hier die Bohémiens der Stadt zum Kaffee, heute erzählt der 53-Jährige von seiner Vision für ältere queere Menschen in Zürich. Paolino studierte in München Psychologie, absolvierte eine Ausbildung zum Psychiatriepfleger und arbeitete unter anderem als stellvertretender Leiter im Aids-Hospiz Anker-Huus und im Altersheim Sandbühl in Schlieren. Er ist seit der Gründung von queerAltern der Vereinspräsident. QueerAltern zählt mittlerweile rund 270 Frauen und Männer. Das mittelfristige Ziel: ein Wohnangebot für ältere «Queers & Friends».

Was ist die Vision des Vereins?

Unser Ziel ist, in Zürich ein Altersangebot für «Queers & Friends» zu schaffen. Konkret planen wir, dass nicht bloss ältere queere Menschen dort wohnen, sondern es in gewissem Umfang auch Platz für jüngere LGBTQs gibt. Wir wollen eine «caring community» schaffen, in der wir aufeinander Acht geben, so wie wir es schon einmal zeigten während der Aids-Krise in den 1980er und 90er Jahren. Wir haben in unserem Verein bereits viele Mitglieder, die darauf warten, dass wir das Projekt realisieren.

Wie soll das Haus konkret aussehen?

Wir möchten 20 bis 30 Wohnungen anbieten, in denen man auch als älterer Mensch möglichst gut leben kann. Ergänzt wird dies durch zwei Pflegewohngruppen für diejenigen unter uns, die viel Betreuung und Pflege benötigen, etwa wenn die Wahrnehmung verändert ist aufgrund einer dementiellen Erkrankung. Gerade Menschen mit Demenz brauchen ein wohlwollendes und sicheres Umfeld, denn man weiss aus der Erfahrung: Die Gefühlsebene bleibt bis am Schluss.

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«Gerade Menschen mit Demenz brauchen ein wohlwollendes und sicheres Umfeld.»

Weshalb brauchen Queers ein spezielles Altersangebot?

Viele unserer Mitglieder haben bei Bekannten erlebt, dass diese ihr Outing in einem Altersheim, das nicht explizit auf Queers ausgelegt ist, jeden Tag aufs Neue durchmachen, sich täglich neu erklären mussten. In meinen Augen sind die Alters- und Pflegeheime in der Schweiz nicht LGBTQ-freundlich. Hier besteht grosser Nachholbedarf ‒ auch bei der entsprechenden Sensibilisierung der Mitarbeitenden. In London gibt es ein Angebot zur Schulung und Zertifizierung von Heimen zu diesem Thema. Das fände ich auch für die Schweiz sehr gut. Ich bin sicher, dass unser Haus eine Leuchtkraft für die Schweiz entwickeln wird, indem Wissen und Erfahrung entstehen, die weitergegeben werden können. Denn wir können das ja nicht alleine stemmen.

Wieso nicht?

In der Schweiz sind derzeit 18 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, das sind schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen. Wenn man der konservativen Annahme folgt, dass davon 5 Prozent queer sind, dann reden wir von mindestens 60’000 Menschen in der Altersgruppe Ü65 derzeit. Mit unserem Verein setzen wir uns zudem in der queeren Community für positive Altersbilder ein und setzen so Akzente.

«Wir reden von mindestens 60’000 Menschen in der Altersgruppe Ü65 derzeit.»

Den Verein gibt es seit rund vier Jahren. Was habt ihr bisher erreicht?

Wir haben an und für sich gute Kontakte zu Politikern und Behördenvertreterinnen, jedoch kamen wir bisher nicht voran bei der Suche nach der entsprechenden Liegenschaft. Wir wollen, dass diesbezüglich in den nächsten Jahren noch etwas geht.

Warum konnte das Hausprojekt noch nicht realisiert werden?

Wir scheitern immer wieder am Kaufpreis von potenziellen Objekten. Das ist in Zürich ein wirklich grosses Problem, denn wir leben in einer der teuersten Städte der Welt. Weil wir unsere Wohnungen aber auch für Menschen mit kleinen Budgets anbieten wollen, sind wir auf günstige Konditionen angewiesen. Eine 1,5-Zimmer-Wohnung soll nicht mehr als 1’100 Franken kosten, damit sie auch für Menschen erschwinglich ist, die auf Ergänzungsleistungen zur AHV angewiesen sind.

Wenn Sie an Ihre eigene Geschichte zurückdenken, wie schätzen Sie die Lage für die LGBTQ-Community in der Schweiz ein?

Mit meinen Eltern war es damals sehr schwierig, aber ich lebte im Grossen und Ganzen immer in einer Umgebung, in der es kaum ein Problem war, dass ich offen schwul lebe. Ich bin in München aufgewachsen und habe mich schon in der Schule viel mit dem «Dritten Reich» beschäftigt. Gott sei Dank betraf mich eine solche Art der Diskriminierung nie – aber ältere Queers haben es entweder erlebt oder kennen es noch aus den damaligen Berichten von Freunden und Bekannten. Wir dürfen nicht vergessen, dass Zürich im zweiten Weltkrieg ein sicherer Hafen war. Vor allem für Schwule, die vor den Nazis flüchten mussten.

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Und heute?

Wir sind heute gesellschaftlich sicher an einem anderen Punkt. Zwar gibt es weltweit Tendenzen, die Besorgnis erregen müssen ‒ als Minderheit müssen wir immer wachsam sein und uns, wo nur möglich, wehren. Generell denke ich aber, wir leben in Mitteleuropa in einer guten Zeit. Mit den Bestrebungen für die Ehe für alle machen wir einen Schritt nach vorne, das ist ein gutes Zeichen. Die Akzeptanz für die LGBTQ-Community ist meiner Meinung nach in den Herzen der Menschen hier angekommen.

Mehr Informationen über den Verein Queer Altern findest du hier.