13.01.2022 – Menschen & Leben | Parents We Love

Patrick Fischer: von der Trainerbank zum Wickeltisch und zurück

Als Profisportler ging es bei Patrick Fischer fast sein ganzes Leben lang nur um Gewinnen oder Verlieren. Im Interview erzählt er, was für ihn tatsächlicher Erfolg ist, wieso Selbstwertgefühl dabei eine grosse Rolle spielt und warum wir auch in Sachen Vereinbarkeit zu mehr Balance kommen sollten.

Vater werden in Zeiten von Corona – wie war’s?

Super. Ich habe viel Zeit gehabt, um die ganze Schwangerschaft mitzuerleben. Als im März der Lockdown kam, hat eine Art Entschleunigung angefangen. Und auch wenn es bei uns im Luzerner Hinterland tendenziell immer ruhig ist, war es trotzdem auch hier anders. Ich konnte also sehr aktiv den ganzen Prozess miterleben, Mädy unterstützen – ich war wirklich mittendrin. Zudem haben wir das Glück, dass es uns nie erwischt hat und wir auch niemanden an Corona verloren haben. Dafür sind wir unendlich dankbar.

Auch bei der Geburt warst Du aktiv dabei. Darüber konnte man ja auch in den Medien lesen. Wieso teilt man ein solches Ereignis mit der Öffentlichkeit?

Mädy und ich haben das nicht geplant. Als die Interviewanfrage kam, haben wir aber auch nicht gezögert. Und zwar nicht, weil wir wollten, dass alle von der Geburt unserer Tochter erfahren, sondern weil uns das Thema der Lotusgeburt so wichtig dünkt. Die Leute sollen wissen, dass es sie gibt.

Erzähl!

Bei der Lotusgeburt wird die Nabelschnur nach der Geburt nicht abgetrennt. Die Plazenta pumpt weiter, das ist wichtig für das Immunsystem des Kindes. Wir haben die Plazenta also einen Tag drangelassen, dann trocknete sie aus. Für uns war diese spirituelle Erfahrung wichtig und richtig – und ein spannender Prozess, den wir gerne teilen wollten. Wir erhielten darauf viele positive Reaktionen. Wir sind generell zwei sehr offene Menschen und haben ja auch nichts zu verstecken.

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«Viele Dinge, die damals wichtig schienen, sind es heute nicht mehr.»

Du bist zum zweiten Mal Vater geworden. Was war 2020 anders als noch vor 19 Jahren?

Vieles. Mit 25 wurde Mara, meine Ex-Frau, schwanger mit Kimi. Ich hatte gerade eine schwere Verletzung und war ziemlich mit mir selbst beschäftigt. Jetzt bin ich innerlich viel ruhiger und gefestigter. Viele Dinge, die damals wichtig schienen, sind es heute nicht mehr. Ich konnte die ganze Zeit viel bewusster wahrnehmen – und geniessen. Ich habe jeden Schritt, jede Phase, die Mädy erlebt hat, miterlebt.

War für Dich von Anfang an klar, dass Du noch einmal Vater werden möchtest?

Ich habe mir immer noch ein Töchterchen gewünscht. Doch erst musste ich dafür die richtige Frau finden – das ging nicht so schnell.

Wie hast Du sie denn gefunden? Überhaupt: Ist es schwierig jemanden kennenzulernen, wenn man in der Öffentlichkeit steht?

Es ist ja nicht so, dass mich alle kennen. Viele Leute interessieren sich nicht für Eishockey. Zudem sind die Leute in der Schweiz sehr zurückhaltend und lassen einen in Ruhe. Mädy habe ich über eine Kollegin im Tessin kennengelernt. Sie hatte keine Ahnung, wer ich bin. Wir haben uns dann aus den Augen verloren und per Zufall wieder getroffen. Und irgendwann hat’s dann gefunkt.

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Als Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft jettest Du um die Welt. Die jährlichen Weltmeisterschaften, 2022 dann noch die Olympischen Spiele… Bleibt da Zeit für die Familie?

Ich habe intensivere Phasen und ruhigere. Das ist ein Teil meines Berufs. Ich liebe diese Abwechslung. Dazu zählt auch die Junioren-WM, welche immer im Dezember und Januar stattfindet. Das heisst für mich, dass ich an Weihnachten nicht zuhause sein kann. Klar ist das traurig, aber das gehört zu meinem Job. Als Sportler hast du Fixtermine, die du nicht verschieben kannst. Dafür hast du aber auch viel Freizeit während des Tages, wo ich meine Familie geniessen kann.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist also auch für einen Profisportler respektive Trainer ein Thema?

Ja, ganz klar. Es ist ein Thema, das alle angeht. Und ein Thema, an dem wir – gerade hier in der Schweiz – noch viel zu arbeiten haben.

Wie meinst Du das?

Die Bestimmungen rund um die Elternzeit oder eben den Mutterschutz sind völlig antiquiert. Wenn ein neues Leben in dein Leben kommt, geht so unglaublich viel ab. Sei dies emotional oder aber auch organisatorisch. Es ist eine Erfahrung, die man als Familie macht. Wenn der Mann nach wenigen Tagen wieder zur Arbeit muss, zurück in den Alltag, dann stimmt doch etwas nicht. Es ist furchtbar. Und es ist nicht fair. Mutter und Kind brauchen Unterstützung, der Vater Zeit mit seiner Familie.

Kooperation

Bei Tadah dreht sich alles um die Vereinbarkeit – im Online-Magazin mit spannenden Interviews mit Eltern und im ersten Schweizer Coworking Space mit Kinderbetreuung. Ob mit oder ohne Kind – schaut doch vorbei auf tadah.ch. Oder direkt im wunderschön eingerichteten Space in Zürich Albisrieden.

Was muss sich verändern, dass wir in der Schweiz – einem eigentlich so wohlhabenden und sozialen Land – zu einer besseren Familienpolitik kommen?

Man kann von Skandinavien viel lernen. Es geht darum, sich aufzuteilen und die Balance zu finden – Teamwork ist das Stichwort. Es muss möglich sein, dass beide der Arbeit nachgehen können, die sie ja auch lieben. Es kann in meinen Augen aber auch nicht sein, dass das Kind 100% fremdbetreut wird. Als Arbeitgeber heisst das eben auch sich gewissen Fragen zu stellen. Welches sind meine ethischen Ansätze? Ist es mir wichtig, dass meine Angestellten die Möglichkeit haben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen? Zeit im Übrigen, die so prägend ist – für beide Seiten. Unser System ist momentan weder kinder- noch elterntauglich. Vielleicht geht es auch darum, zurück zu buchstabieren. Wegzukommen von dieser Leistungskultur, in der alle nur immer müssen.

«Der grösste Erfolg ist es doch, glücklich zu sein. Im Einklang mit sich und dem Leben.»

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Das ist eine interessante Aussage aus dem Mund eines Sportlers. Denn im Sport geht schliesslich alles nur ums Gewinnen – um den Erfolg.

Die Frage ist wohl, wie man Erfolg definiert. Der grösste Erfolg ist es doch, glücklich zu sein. Im Einklang mit sich und dem Leben. Das machen zu dürfen, was einem Spass macht, was man liebt. Ich glaube, dann ist man glücklich. Wenn man von Zielen spricht, dann spielt der Kopf eine extreme Rolle. Du bist, was du denkst. Ist dein Glas halbleer oder halbvoll? Zudem geht es darum, nicht zu fallen – egal ob es windet oder stürmt. Resilienz ist das Zauberwort. Man muss das Feuer behalten, an seinen Träumen festhalten. Wenn du etwas willst, dann erreichst du es. Aber es kommt nicht einfach so zu dir. Du musst die richtige Einstellung haben. Wenn der Kopf aber zusammenbricht, dann bricht auch der Körper.

«Mache ich gerne, was ich tue? Oder tue ich es nur, weil ich das Gefühl habe, ich müsse es tun?»

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Wie erreicht man das?

Es ist wichtig zu wissen, was man kann und wer man ist. Das ist Schattenarbeit. Man muss Muster ablegen, die nicht zu einem gehören. Und man muss sich ganz ehrliche Antworten geben. Mache ich gerne, was ich tue? Oder tue ich es nur, weil ich das Gefühl habe, ich müsse es tun? So gelangt man zu sich selbst und kann seine Wahrheit leben. Man muss nämlich auch nicht allen gefallen.

Auch Du bist diesen Weg gegangen. Mit 33 hast Du Deine Schlittschuhe an den Nagel gehängt und bist auf die Suche nach Dir selbst gegangen. Im Dschungel von Peru bist Du fündig geworden. Erzähl!

Es war mega befreiend. In erster Linie für meinen Körper. Denn diesen habe ich 30 Jahre lang gefördert und trainiert. Aber in zweiter Linie auch für mich selbst. Es fiel viel ab. Der Druck, die Erwartung der Leute. Es war einfach nur schön. Und gleichzeitig sehr spannend. In Südamerika habe ich neue Kulturen und Sichtweisen kennengelernt. Und auch neue Wahrheiten. Die Einfachheit hat mir sehr gefallen. Es war eine ganz andere Welt, in der es mir gut ging. Ich habe das Spiel vermisst, ja. Aber nicht das Gewinnen und Verlieren.

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«Als Eltern haben wir die Aufgabe, dass das Kind voller Selbstvertrauen bereit für das Leben ist.»

Es geht also um Selbstwert. Ist das etwas, was Du Deinen Kindern mit auf den Weg geben willst?

Unbedingt. Es ist essenziell den Selbstwert der Kinder zu fördern. Als Eltern haben wir die Aufgabe, dass das Kind voller Selbstvertrauen bereit für das Leben ist. Viel mehr als das können wir nicht mitgeben. Sie müssen der Überzeugung sein, dass sie ihren Weg gehen können. Dass sie ihre Stärken kennen. Dahin will ich meine Kinder leiten. Zu diesem Weg gehören auch Niederlagen – und die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen.

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Betreuungssituation: Patrick und Mädy (selbsständige Fotografin) teilen sich die Betreuung – je nach Spielplan respektive Auftragslage. Oceania wird einmal in der Woche von ihren Grosseltern betreut.

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