Menschen & Leben | Parents We Love

Parents we love: David Jaeggi

Dem Zürcher David Jaeggi wurde das Unternehmertum in die Wiege gelegt. Auf der Suche nach sinnvolleren, nachhaltigeren Produkten im Food- und Beverage-Bereich hat er nicht nur eine, sondern gleich zwei Firmen gegründet. David hat sich zusammen mit seinem Geschäftspartner Leif mitten in der Pandemie und kurz nach der Geburt seines Sohnes selbständig gemacht. Im Interview erzählt er uns seinen Weg.

Du bist Unternehmer. Einer, der sich fürs Thema Nachhaltigkeit einsetzt. Wie kam's?

Das Unternehmertum wurde mir und meinen zwei Schwestern wohl in die Wiege gelegt. Meine Eltern hatten ein klassisches Modehaus in Siebnen – dort verkauften sie bis zu ihrer Pensionierung auf 1'000 Quadratmetern Damen- und Herrenmode.

Schon während des Studiums in St. Gallen habe ich mehr gearbeitet als studiert. So habe ich die Studentendruckerei auf Vordermann gebracht, bei der Credit Suisse gearbeitet, bei der Swiss Re. Und immer auch im elterlichen Betrieb.

«Ich sage Leuten nicht so gerne, was sie zu tun haben. Ich setze lieber selbst um.»

Also noch weit von der Selbständigkeit entfernt?

Ich hatte schon immer eigene Ideen und Projektli nebenher. Nach dem Studium arbeitete ich aber erstmal in zwei Unternehmensberatungen. Aber ich wusste: In der Beratung werde ich nicht alt, weil ich Leuten nicht so gerne sage, was sie zu tun haben. Ich setze lieber selbst um.

Wohin ging es dann?

Ich suchte einen Job in der Industrie, im Food- und Beverage-Bereich. Kochen und Futtern sind ja auch meine grössten Passionen.

Ich stieg bei Rivella als Brandmanager Deutschland ein und habe erste Gehversuche für Rivella in Skandinavien gemacht. Dann fiel der Entscheid, das Markenportfolio zu diversifizieren. Im neu aufgebauten Business Development Team stiessen wir auf das Start-up FOCUSWATER, ein Vitaminwasser aus Zürich. Dort habe ich die Gründer kennengelernt, unter anderem auch Leif Langenskiöld.

Dein späterer Geschäftspartner, richtig?

In diesen zwei Jahren der Übernahme und Integration von FOCUSWATER in die Rivella-Welt haben Leif und ich sehr eng zusammengearbeitet. Wir haben gemerkt: Es funktioniert mega gut. Wir hatten soviele Ideen, von denen wir fanden, sie wären es wert, umgesetzt zu werden.

Als die Integration abgeschlossen war, hatten wir beide ein Jobangebot bei Rivella. Wir sagten zu mit der Bedingung, dass wir nebenher unsere eigenen Projekte machen dürfen. Wir mussten uns dann jedoch entscheiden: einen coolen Job weitermachen oder den Schritt in die Selbständigkeit wagen.

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Wie hat sich dieser Schritt in die Selbständigkeit für Dich angefühlt?

Das war im September 2020. Also mitten in der Pandemie. Felix kam eben erst zur Welt, Barbara war noch im Mutterschaftsurlaub.

Ohalätz. Und sie zog mit?

Barbara hat das voll unterstützt. Das war gar nicht selbstverständlich zu einem Zeitpunkt, an dem sie mit Felix daheim war und zudem unsichere Zeiten herrschten. Sie hat mir damit meinen langersehnten Wunsch erfüllt. Felix habe ich auch noch ins Boot geholt.

Wie denn das?

Felix war in der Phase, wo er abends regelmässig seine schwachen Minuten hatte. Er hat viel geweint. Die Lösung war jeweils, Felix in die Trage zu schnallen und einen Abendspaziergang zu machen, bei dem er meist sofort einschlief. Das habe ich auch an diesem Tag gemacht, an dem ich heimkam und Barbara erzählt habe, dass ich das Rivella-Angebot nicht annehme und mich stattdessen mit Leif selbständig machen möchte.

«Ich will kein Daddy sein, der nur drüber redet, seine Träume zu verwirklichen und es dann doch nicht macht.»

Ich habe Felix von meinem Tag erzählt. Normalerweise ist er ja immer gleich eingeschlafen. Nicht dieses Mal: Er hat mich mit grossen Augen angeschaut und aufmerksam zugehört. Also habe ich ihm gesagt: Schau Felix, als ich keine Kinder hatte, hab ich mich nie getraut, mich selbständig zu machen. Aber seit du hier bist, muss ich es machen. Ich will kein Daddy sein, der nur drüber redet, seine Träume zu verwirklichen und es dann doch nicht macht. Weil er nicht eingeschlafen ist dabei, habe ich dies sozusagen als seine Zustimmung gewertet. Lacht.

Und dann ging es gleich los?

Ja. Dann habe ich mich mit Leif selbständig gemacht. Wir haben die Haddock AG gegründet. Ein Venture Studio. Hier haben wir neue, sinnvolle und zukunftsweisende Konzepte im Food- und Beverage Bereich entwickelt – Konzepte rund um das Thema Nachhaltigkeit mit all seinen Schattierungen.

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Wie kam es von Haddock zu Tree Gum?

Mit Haddock durchforsten wir alle Food- oder Getränkekategorien und schauen: Wo hat es dick Staub drauf? Und warum? Gibt es keine sinnvollen Lösungen? So sind wir in der Kategorie Kaugummi hängen geblieben. Ich selbst bin ja ein Heavy User und habe im Auto immer einen halben Kiosk.

«Das ist total absurd in Zeiten, in denen alle über den Plastik in den Weltmeeren und Littering sprechen.»

Was ist denn falsch an herkömmlichen Kaugummis?

Es war uns beiden nicht bewusst, dass in Kaugummis Plastik drin ist. Eine Umfrage ergab, dass wir mit diesem Unwissen nicht alleine sind. Dass Erdöl in den Produkten drin steckt, muss nicht deklariert werden. Das ist total absurd in Zeiten, in denen alle über den Plastik in den Weltmeeren und Littering sprechen.

Wir haben uns also auf die Suche gemacht, wie man das sinnvoll lösen kann. Wir fanden einen Kaugummi-Produzenten, der an einer Rezeptur für natürliche Kaumasse dran war. Gemeinsam haben wir sie fertig entwickelt.

Die Kaumasse stammt vom Sapotillbaum, dem Chicle-Baum. Dieser wird angeritzt, um den Milchsaft des Baumes zu gewinnen.

Also zurück zum Ursprung?

Vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden haben die Leute auf Baumharz herumgekaut. Dies ist somit nichts Neues. Was neu ist: Dass wir mit unserem Produkt den Kaugummis aus Plastik sehr nahe kommen. Zudem nehmen wir Xylit, um die Kaumasse zu süssen, das wiederum kommt aus der Birke und der Buche.
Also wieder eine bäumige Ingredienz.

Wir wollen nicht nur aus Natur nehmen, sondern auch etwas zurückgeben. Weil die zwei Hauptingredienzen vom Baum kommen, haben wir begonnen, für jedes verkaufte Multipack einen Baum zu pflanzen. Es wird also recht schnell recht viel Bäume geben, hoffentlich.

Und dann gings von Anfang an steil?

Was uns noch mehr über Klippe stiess, um Tree Gum tatsächlich zu lancieren, war unser Crowdfunding und die damit gewonnene Reichweite. Leif und ich haben zusammen über 30 Jahre Erfahrung in der Food- und Beverage Industrie. Nie hat aber ein grosser Kunde angerufen und gesagt: Wir wollen dieses Produkt ins Sortiment aufnehmen. Bei Tree Gum kam Manor auf uns zu. Migros Online ebenfalls. Und noch paar andere kleinere Concept Stores. Da wussten wir: Das müssen wir jetzt durchziehen und Gas geben.

Dies bedeutete?

Wir haben aus Haddock heraus die Tree Gum AG gegründet, einen sauberen Business Plan geschrieben, wie es sich gehört. Da beide aber viel Erfahrung haben im Aufbau neuer Marken und Konzepte im Konsumgüterbereich, sind wir schnell ins Daily Business eingestiegen. Wir konnten Apotheken, Drogerien, unabhängige Tankstellen und viele mehr akquirieren. Kurz: Wir kamen schnell und gut vorwärts.

Fehlt nur noch ein Distributor.

Wir kamen ins Gespräch mit Cruspi, dem grössten Süsswaren-Distributor in der Schweiz. Wir sind also mit ihnen zusammengesessen, sie fanden Tree Gum mega cool und jetzt übernehmen sie die Distribution für uns in der Schweiz. Das könnten wir nie selbst machen, sie haben eine riesengrosse Power.

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Freud und Leid liegt bei einem Start-up ja nahe beieinander. Wie ist dies bei Dir?

Klar gab und gibt es Ups und Downs. Bis jetzt sind wir aber gut und relativ glimpflich davongekommen und weitergewachsen. Aber klar, manchmal muss man ganz schön Gas geben, da bin ich natürlich sehr froh, dass Barbara mir momentan den Rücken freihält.

Das klassische Rollenmodell bei Euch?

Ja, und das ist auch gut so, weil es für uns stimmt. Momentan zumindest. Wir haben von Anfang an noch vor der Geburt beschlossen, dass Barbara ein Jahr Auszeit nimmt. Damals war ich noch angestellt und habe mit dem Gedanken gespielt, zu reduzieren. Da sie aber am Anfang ganz daheim bleiben wollte, hätte ich auch aus finanziellen Gründen nicht allzuviel reduzieren können.

Dann kam aber alles anders.

Ich wurde wie gesagt selbständig, es bekam eine ganz andere Dynamik. Jetzt arbeite ich 100% und knie mich voll rein. Ich muss es somit mit mir selbst ausfechten, dass ich möglichst viel am Familienleben teilnehme.

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«Ich arbeite 100% und bin deshalb in den Augen vieler kein guter Familienvater. Barbara wiederum ist daheim und wird gefragt, was sie denn zum Familiennbudget beiträgt?»

Wo ist das Frustpotential denn am höchsten?

Momentan läuft an allen Fronten sehr viel. Ich könnte Tag und Nacht arbeiten oder aber auch bei meiner Familie sein – von sonstigen Hobbys und vom Freundeskreis ganz zu schweigen. Hier den Spagat zu schaffen und allen, insbesondere mir selbst zu genügen, ist nicht immer einfnach. Dazu kommen verschiedene externe Erwartungshaltungen und latente Vorwürfe.

Die so wären?

Die einen geben mir zu verstehen, dass ich aufgrund meiner Selbständigkeit und des 100% Pensums die Familie zu kurz kommen lasse. Im Gegensatz dazu ist Barbara daheim und wird gefragt, was sie denn zum Familiennbudget beiträgt oder wo ihre Selbstverwirklichung bleibt.

Papitage werden hochgejubelt, Mamatage nicht. Das mag ich nicht. Jeder soll doch so, wie er will. Wieso haben die Leute das Gefühl, so wie sie es machen, ist es richtig, so müssen es alle machen? Für jede Familie, ja für jedes Familienmitglied ist es anders.

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Betreuungssituation

David ist selbständig, arbeitet 100%, Barbara arbeitet in einem Stiftungsrat und macht punktuell Schulvertretungen. Felix ist dann bei den Grosseltern oder David nimmt sich frei.

Dieser Text erschien erstmals am 10. März 2022 auf Tadah