18.04.2019 – Kultur & Nachtleben | Nachtleben-Kolumne

Züri Fäscht: Volksfest oder Kompromiss?

Dieses Jahr wurde viel über das Züri Fäscht geschrieben – unter anderem, dass das Fest leiser werden muss. Unser Nachtleben-Kolumnist Alex Bücheli fragt sich deshalb: Wie viel Zwingli-Geist steckt im Züri Fäscht?

Die Vorfreude auf das Züri Fäscht steigt. Das Zürcher Stadtfest kann auf eine lange Tradition zurückblicken – 1932 wurde es zum ersten Mal durchgeführt. Heute wird es von rund zwei Millionen Menschen besucht und bietet eine bunte Mischung aus Chilbi, Shows, Entertainment, Party und Kultur. Klar: Damit ein solches Potpourri funktioniert, braucht es einen Plan, wie zum Beispiel ein Musikkonzept und andere Bestimmungen. Diese müssen die Bedürfnisse der unterschiedlichen Anbieter respektieren, aber auch Rücksicht auf das Ganze nehmen.

Heute wird das Züri Fäscht von rund zwei Millionen Menschen besucht.

In den Medien wird vor allem über das Musikkonzept diskutiert. Für Nicht-Tontechniker sehen die erlaubten 93 Dezibel LAeq auf den ersten Blick einfach leiser aus als die bisherigen 100 Dezibel LFmax. Es handelt sich jedoch um unterschiedliche Messgrössen, die sich nicht einfach vergleichen lassen. dB LFmax bezeichnet die maximal erlaubte Lautstärke, die während der ganzen Veranstaltung nie überschritten werden darf. dB LAeq gibt einen Mittelwert vor, der im Stundendurchschnitt eingehalten werden muss.

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Grundsätzlich ist der Wechsel von der maximalen Spitze (LFmax) zum Mittelwert (LAeq) für Musikveranstaltungen sinnvoll, da der LAeq-Wert mehr Handlungsspielraum bietet und somit auch dem Umstand gerecht wird, dass die Lautstärke Teil der kulturellen musikalischen Darbietung ist. Oder würde der Bolero von Ravel denselben Reiz entfalten, wenn er von Beginn an gleich laut gespielt würde? Für moderne Tanzmusik sind 93dB LAeq mindestens so laut, wie es die 100dB LFmax waren.

Auf der Website des Züri Fäscht wird mehrmals betont, dass während dieses Wochenendes gewollt ein Ausnahmezustand herrscht.

Doch zur Diskussion führte vor allem die vorgesehene Reduktion nach dem Feuerwerk um 01.30 Uhr von 93 auf 90dB LAeq. Wieso herrscht Unzufriedenheit? Die Erfahrung zeigt, dass 90dB (LAeq) zu leise sind, um mitten in einem Festbetrieb eine qualitativ hochwertige Musikveranstaltung durchzuführen. Dies scheint auch dem Komitee bewusst zu sein.

Deshalb gilt für zwei grosse Bühnen am Seebecken – mit der Begründung des Crowdmanagements – eine andere Regelung. Zur Verunsicherung bei den Veranstaltenden hat zusätzlich auch die Weisung geführt, dass dieses Jahr erstmals alle Musikbühnen den Schall aufzeichnen und die Daten nach der Veranstaltung unaufgefordert bei der Stadtpolizei einreichen müssen.

Auf der Website des Züri Fäscht wird mehrmals betont, dass während dieses Wochenendes gewollt ein Ausnahmezustand herrscht. Im Wissen, dass ein solcher unweigerlich Begleiterscheinungen mit sich zieht, die sich logischerweise nicht mit dem Ruhebedürfnis von direkten Anwohnern vereinbaren lassen, fragt man sich: Wieso darf die Musik nicht auf allen Musikbühnen gleich laut sein? Die jetzige Regelung ist ein Kompromiss, der niemandem hilft.

Die jetzige Regelung ist ein Kompromiss, der niemandem hilft.

Soll moderne Musik weiterhin fixer Bestandteil des Züri Fäscht sein, braucht es für 2022 ein Musikkonzept, das diesen Namen auch verdient. Musikliebhaber sind sich in der Schweiz normalerweise 96 bis 100dB LAeq gewohnt. Dabei handelt es sich um den maximalen Wert, der gemäss der Schall- und Laserverordnung möglich ist. Klar ist, dass sich 96 bis 100dB, aufgrund des verlangten Gästeschutzes, an einem Volksfest nicht umsetzen lassen. Mein Vorschlag lautet deshalb für alle rund 40 Musikbühnen: 96dB LAeq (nach 1.30 Uhr 93dB LAeq) oder mindestens 93dB LAeq durchgehend. Nur so kommen in Zukunft auch Musikschaffende und Fans am Züri Fäscht auf ihre Kosten – handelt es sich doch um die einzige legale Möglichkeit, in der Stadt Zürich unter dem Sternenhimmel durch die Nacht zu tanzen!

Infos

Das Züri Fäscht findet vom Freitag, 5. Juli, bis Sonntag, 7. Juli statt. Weitere Infos findest du hier.

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