18.02.2020 – Kultur & Nachtleben | Nachtleben-Kolumne

Microdosing und andere Drogen-Trends

Drogen, insbesondere Psychedelika wie LSD, sind wieder in aller Munde. Die Bandbreite der Artikel reicht von Microdosing zur Steigerung der Kreativität bis hin zur medizinischen Behandlung von psychischen Krankheiten. Doch was ist an dieser Berichterstattung tatsächlich dran? Bewegen wir uns auf ein neues psychedelisches Zeitalter zu? Um diese Fragen zu beantworten, betrachtet unser Nachtleben-Kolumnist Alexander Bücheli die Thematik für einmal nüchtern.

Als Psychedelika werden psychoaktive Substanzen bezeichnet, deren primäre Wirkung die Veränderung der Wahrnehmung sowie die Intensivierung des eigenen Erlebens ist. Psychedelika gelten als die klassischen Halluzinogene. Es gibt zahlreiche psychedelisch wirkende pflanzliche und synthetische Stoffe. Dabei unterscheidet man zwischen Tryptaminen (z. B. Psilocybin), Phentylaminen (z. B. Meskalin) und den Mutterkornalkaloiden (z. B. LSD). Der Begriff Psychedelika tauchte erstmals gehäuft in der Hippiezeit auf. Heute wird fast alles, was mit ungewohnten Bewusstseinszuständen verbunden ist, als psychedelisch bezeichnet. So werden zum Teil auch Träume, Hypnosen und Bewusstseinszustände bei der Meditation oder beim Yoga als psychedelische Erfahrungen bezeichnet.

Drogen werden aufgrund ihrer Wirkung und nicht wegen ihres legalen Status oder ihres Preises konsumiert. Im Gegensatz zu Stimulantien (z. B. Amphetamine) oder Downern (z. B. Opioide), die vertraute Bewusstseinsveränderungen hervorrufen, neigen Psychedelika dazu, die Wahrnehmung sowie die seelische Verfassung stark zu verändern. Der Rausch wird deshalb Trip und nicht einfach Flash genannt.

Psychedelika wirken bei jedem Menschen anders.

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Während eines Trips werden Farben leuchtender gesehen. Musik wird intensiver, räumlicher und sich mit Farben und Mustern verbindend wahrgenommen. Das Tastgefühl wird ebenfalls stark beeinflusst. Auch das Denken verändert sich. Viele Konsumenten erleben mystische Erfahrungen. Sie fühlen sich mit anderen verbunden, fühlen Glückseligkeit, Demut und Ehrfurcht zugleich. Nicht selten werden während des Trips philosophische Theorien entwickelt.

Psychedelika können allerdings auch unangenehme Rauschzustände wie Paranoia und Angstzustände auslösen. Diese klingen meist schon während des Trips oder kurz danach ab. In seltenen Fällen kann der Rausch eine Psychose auslösen. Dies wird fälschlicherweise auch als «Hängenbleiben» bezeichnet.

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Psychedelika haben zudem eine Reihe von körperlichen Wirkungen. So lösen sie eine Erweiterung der Pupillen aus sowie weitere – teils paradoxe – Erscheinungen. Entweder kann zum Beispiel die Pulsfrequenz beschleunigt oder verringert werden oder die Temperaturregulation des Körpers verändert sich: Man beginnt zu schwitzen oder zu frieren. Psychedelika können allerdings auch Krämpfe, Zuckungen oder Muskelentspannungen auslösen. Eine weitere Nebenwirkung ist Übelkeit mit anschliessendem Erbrechen. Psychedelika wirken bei jedem Menschen anders, immer auch abhängig von Drug, Set und Setting.

Als Microdosing wird der regelmässige Konsum kleiner Mengen an psychedelischen Substanzen bezeichnet. Bei LSD spricht man von Dosierungen zwischen 5 und 15 Mikrogramm, im Vergleich zu 50 bis 200 Mikrogramm bei einer «normalen» Dosis. Doch bereits Dosierungen ab 10 Mikrogramm können als sehr intensiv wahrgenommen werden. Das deklarierte Ziel von Microdosing ist für die meisten Konsumierenden die Förderung ihrer Leistungsfähigkeit (Kreativität, Konzentration, Ausdauer) oder die Selbsttherapie von (psychischen) Krankheiten. Da die Dosierung tiefer ist, entstehen beim Microdosing keine Halluzinationen.

Es gibt viele Hypothesen darüber, was die aktuelle Psychedelika-Debatte befeuert.

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Es handelt sich somit auch um einen niederschwelligen Zugang zu Psychedelika, da Halluzinationen bei nicht wenigen Menschen grundsätzlich ein Unbehagen auslösen. Doch erzeugen solche geringen Dosierungen überhaupt eine psychoaktive Wirkung? Dazu gibt es keine verlässlichen Studien. Anwenderinnen und Anwender berichten primär von einer wach machenden sowie die Konzentration und Stimmung verbessernden Wirkung. Es ist also durchaus denkbar, dass es sich dabei um einen Placeboeffekt handelt. So wenig man über die Wirkung von kleinen Dosen weiss, so wenig ist über die Nebenwirkungen bekannt. Doch da LSD die Pulsfrequenz erhöht, könnte eventuell schon chronisches Mikrodosieren durchaus zu Herz-Kreislauf-Problemen führen.

Es gibt viele Hypothesen darüber, was die aktuelle Psychedelika-Debatte befeuert. Grundsätzlich scheint die Gesellschaft offener für solche Substanzen zu sein. Vielleicht ist es aber auch die Angst vor einem normalen Leben, die Suche nach Inspiration oder nach Antworten auf persönliche und gesellschaftliche Fragen. Es kann auch eine Form der Selbstmedikation sein, um mit dem Leistungsdruck besser umgehen zu können.

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Die «Partydroge» Nummer eins ist und bleibt der Alkohol.

Letztlich ist nicht bekannt, ob es sich um eine reine Diskussion handelt oder ob tatsächlich vermehrt Psychedelika konsumiert werden. Die Geschichte zeigt, dass Substanzen nicht selten in Wellenbewegungen aufkommen – sei es Cannabis in den 60er-Jahren, MDMA (Ecstasy) in den 90ern oder Kokain im letzten Jahrzehnt. Nicht selten stehen diese Trends im Zusammenhang mit einer spezifischen Kunstform, wie zum Beispiel Techno und MDMA in den 90er-Jahren.

Im Zürcher Nachtleben lässt sich noch kein vermehrter Konsum an Psychedelika beobachten und es gibt auch keinen Trend in Richtung psychedelischer Musik oder Lichtkunst. Die «Partydroge» Nummer eins ist und bleibt der Alkohol. Danach kommt Cannabis und nur für einen kleinen Teil der Nachtschwärmerinnen und Nachtschwärmer gehören XTC, Kokain, Amphetamin oder eben LSD tatsächlich zum Rausch der Nacht dazu.

Der aktuellen Diskussion über mehrheitlich positive Aspekte der Substanzwirkung lässt sich durchaus auch etwas Gutes abgewinnen: Sie kann dazu führen, dass die breite Bevölkerung realisiert, dass die Gefährlichkeit von Drogen immer mit der Art und Weise der Konsumation zusammenhängt – und nicht primär mit den Substanzen selbst. Es ist deshalb sinnvoller und günstiger, in Aufklärung und einen regulierten Markt zu investieren, als weiterhin an der Drogenrepression festzuhalten.