16.10.2020 – Kultur & Nachtleben | Nachtleben-Kolumne

Die Lärmklagen steigen: Was heisst das für die Stadt Zürich?

Kolumne: Alexander Bücheli Fotos: Cemil Erkoç Wyron A.

Immer mehr Zürcher*innen klagen gegen Lärm. Das liegt nicht nur am Lockdown, sondern ist ein Trend, der sich schon länger abzeichnet. Doch die Innenstadt ist kein Museum, findet unser Nachtleben-Kolumnist Alexander Bücheli. Er fordert, dass die Stadt umdenkt – und auf eine übergreifende Lärmstrategie setzt.

Anfangs September verkündeten die Medien ein neues Jahreshoch an Lärmklagen in der Stadt Zürich. Bei der Stadtpolizei gingen bis zum 31. August über 6500 Lärmklagen ein – das sind über 2000 mehr im Vergleich zu den Vorjahren. Dieser Rekord wird oft damit erklärt, dass sich die Bevölkerung während des Lockdowns an die Ruhe, beispielsweise durch weniger Strassenverkehr, gewöhnt hat. Zudem hielten sich die Leute während dieser aussergewöhnlichen Zeit häufiger zu Hause auf und fühlten sich plötzlich durch eine Lüftungsanlage gestört, die ihnen zuvor nie aufgefallen war.

Es formiert sich zunehmend Widerstand.

Doch der öffentliche Raum wurde in diesem Sommer auch stärker beansprucht. Die Angst vor einer Ansteckung hat die Menschen – durchaus im Sinne der Infektiolog*innen – regelrecht nach draussen getrieben. Soziale Kontakte wurden bevorzugt an der frischen Luft gepflegt. Akzentuiert wurde dieser Trend dadurch, dass das Nachtnetz seinen Betrieb noch nicht aufgenommen hatte und die sonst beliebten nächtlichen sozialen Treffmöglichkeiten wie Bars und Clubs aufgrund von Covid-19-Schutzmassnahmen nur eingeschränkt geöffnet oder gar ganz geschlossen waren. Partys wurden draussen gefeiert und auswärtige Gäste waren gezwungen, die ganze Nacht bis zum ersten Zug in der Stadt zu verweilen.

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Auch wenn die Lärmklagen schon vor Corona zugenommen haben, kann Zürich im Vergleich mit anderen Städten Europas weiterhin als ruhige Stadt bezeichnet werden. 6500 Lärmklagen erscheinen auf den ersten Blick nach viel. Die Zahl relativiert sich allerdings, wenn man bedenkt, dass es in der Stadt Zürich 195’707 Privathaushalte gibt. Repräsentiert jede Lärmklage einen Haushalt, dann wären maximal 3,3 Prozent der städtischen Haushalte einmal jährlich von Lärm betroffen. Dabei wird nicht berücksichtigt, ob mehrere Klagen vom selben Haushalt stammen, und es gibt keine Aussagen dazu, ob eine Lärmklage berechtigt war. Natürlich existiert auch eine Dunkelziffer an Haushalten, die zwar von Lärm gestört sind, deshalb aber nicht die Polizei rufen.

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Hand aufs Herz: In den meisten Quartieren der Stadt wird die nächtliche Stille meist nur von Kirchenglocken gestört. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem in der Innenstadt Strassenzüge und Plätze gibt, wo vor allem die nächtliche Lärmbelastung für die Anwohner*innen gross ist. Wenig überraschend formiert sich deshalb zunehmend Widerstand gegen den Lärm in der Innenstadt. So hat die IG Innenstadt als Wohnquartier – ein Zusammenschluss der Quartiervereine Zürich 1 rechts der Limmat, Selnau-City und Aussersihl-Hard sowie verschiedener lokaler Interessengruppen – schon erfolgreich gegen das Pilotprojekt «Mediterrane Nächte für Zürich» Einspruch erhoben.

Partys wurden draussen gefeiert.

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Nun hat auch das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich auf die zunehmenden Lärmklagen reagiert. An den beliebten nächtlichen Treffpunkten weisen rund 20 Plakattafeln das Partyvolk darauf hin, Rücksicht auf die Anwohner*innen zu nehmen. Solche Sensibilisierungskampagnen sind zwar ein wichtiges Instrument. Doch davon auszugehen, dass Plakate zu einer Verhaltensänderung führen, wäre naiv. Die Stadt Zürich hat selbst im Rahmen des Legislaturschwerpunkts Nachtleben (2016 bis 2018) erkannt, dass um zu verhindern, dass ein Bedürfnis höher gewichtet wird als das andere, das Thema Lärm auf unterschiedlichen Ebenen angegangen werden muss. Dazu gehört auch eine gewisse Akzeptanz, dass Lärm auch in der Nacht zu einer Stadt gehört. Es geht deshalb primär nicht nur darum, Lärmquellen zu bekämpfen, sondern vor allem darum, die Lärmbelastung für die Wohnbevölkerung zu verringern.

Das Thema muss auf verschiedenen Ebenen angegangen werden.

Die Stadt Zürich scheint mit der Akzeptanz des nächtlichen Lärms weiterhin ihre Mühe zu haben. Anders ist es nicht zu verstehen, weshalb sie nicht prüft, wie beispielsweise der öffentliche Raum lärmdämmend gestaltet werden könnte. Dies würde viele Probleme lösen. So hat eine Pilotmessung der Firma Rocket Science an der Piazza Cella an der Langstrasse gezeigt, wie gross das Potenzial lärmdämmender Massnahmen im öffentlichen Raum eigentlich ist. Dämmende Fassadenelemente, Baldachine oder Lärmschutzbänke könnten verhindern, dass sich der Lärm überhaupt erst entwickelt. Die Messungen haben nämlich gezeigt, dass die Anwohner*innen nicht den Lärm direkt von der Quelle, sondern vor allem das Echo davon wahrnehmen.

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Es ist nicht zu spät, denn das Thema Lärm wird die Stadt Zürich noch länger beschäftigen. Damit diese für die verschiedensten Anspruchsgruppen weiterhin attraktiv bleibt, braucht es neben einer departementsübergreifenden Strategie, die sich vom reinen Lärmverursacher-Fokus verabschiedet und sich auch mit Städteplanung auseinandersetzt, eine fundierte Diskussion darüber, wie viel Lärm der Bevölkerung eigentlich zumutbar ist. Denn auch wenn die Innenstädte in den letzten Jahren tendenziell immer ruhiger wurden, gehört ein gewisser Lärmpegel doch zu einer lebendigen Stadt dazu.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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