12.03.2021 – Kultur & Nachtleben | Nachtleben-Kolumne

Ein Jahr ohne Nachtleben – ein Rückblick

Am Samstag, 13. März, jährt sich der Nachtleben-Lockdown. Unser Nachtleben-Kolumnist Alexander Bücheli schaut auf Monate voller Tiefs und Missverständnisse zurück. Doch die Hoffnung verliert er nicht.

Der Freitag, der 13. März 2020, wird den Akteur*innen des Zürcher Nachtlebens wohl für immer in Erinnerung bleiben. Gebannt verfolgten sie gemeinsam im Mascotte die Pressekonferenz des Bundes. Bei manchen Anwesenden war die Erleichterung spürbar, als der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen verbot. Dieser Entscheid setzte einen Schlusspunkt hinter ein politisches Gerangel zwischen Bund und Kanton. Auch wenn die Erleichterung erst überwog, nicht mehr Spielball der Politik zu sein, wurde den Anwesenden in dem Moment auch schlagartig klar: Covid-19 wird das Nachtleben in der Schweiz verändern. Für wie lange, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzbar.

Die Veranstalter*innen waren erst erleichtert.

Während des ersten Lockdowns wurden die vom Bund angekündigte Covid-19-Unterstützungsmassnahmen verhandelt. Der Bund gleiste zwar schnell mit der Covid-19-Kulturverordnung eine Entschädigung für Kulturunternehmen auf. Doch indem er Night Clubs, Dancings und Diskotheken als Kulturunternehmen ausschloss, war die Verunsicherung gross, ob nun Musikclubs und Musikbars ebenfalls entschädigt werden. Schliesslich musste diese Frage jeder Kanton für sich selber beantworten. Glücklicherweise war sich der Kanton Zürich dem kulturellen Wert des Nachtlebens bewusster, als sich dies andere Kantone immer noch sind.

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Das heisst: Nachtkulturunternehmen wurden im Kanton Zürich als potenziell entschädigungsberechtigt bezeichnet, solange sie über ein kuratiertes Programm verfügen. Die Erleichterung über den Entscheid im April war gross. Doch es dauerte weitere fünf Monate, bis die ersten Gelder tatsächlich ausbezahlt wurden. Bis dahin musste entweder auf den Covid-19-Kredit oder auf Reserven zurückgegriffen werden. Nur wenigen Unternehmen wurde der Schaden durch eine Versicherung gedeckt.

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Bürgerliche Parteien drängten zur schnellen Öffnung.

Ende April / Anfang Mai verbesserte sich die epidemiologische Lage in der Schweiz überraschend schnell. Kaum sanken die Zahlen, fegte ein regelrechter Öffnungstsunami über die Schweiz hinweg. Nicht nur die Verbände, sondern auch die bürgerlichen Parteien forderten weitreichende Öffnungsschritte. Irritierend dabei war, dass viele der betroffenen Verbände, wie beispielsweise die Schweizer Bar und Club Kommission, vom Bund nie angehört und jeweils mit vollendeten Tatsachen konfrontiert wurden. Die fehlende Zusammenarbeit zwischen den Behörden, der Wissenschaft und den von Covid-19-Schutzmassnahmen betroffenen Branchen zieht sich durch die ganze Pandemie wie ein roter Faden. In der Öffentlichkeit ist dabei stets die Rede von der Unterstützung. Dass bei jeder Verordnung die Details in mühsamer Kleinarbeit verbessert werden müssen, ist dabei den meisten nicht bewusst.

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Die Schweiz war das einzige Land in Europa, die Partys wieder erlaubten.

Ende Mai war die Überraschung dann dementsprechend gross, als es hiess, dass Anlässe mit bis zu 300 Personen bis Mitternacht wieder durchgeführt werden können. Die Voraussetzung war, dass ein Schutzkonzept vorliegen musste. Mit einem solchen Schutzkonzept war es möglich, ohne Abstand und Schutzmasken Veranstaltungen durchzuführen. Es mussten jedoch die Kontaktdaten aller Anwesenden erfasst werden, damit diese in einem Ansteckungs-Verdachtsfall durch das Contact Tracing kontaktiert werden können. Am 22. Juli wurde dann auch die Sperrstunde aufgehoben. Die Besucheranzahl wurde auf 1000 Personen ausgedehnt, wenn diese in Sektoren je 300 Personen unterteilt werden konnten. Überraschend für das Nachtleben deshalb, weil man unter dem Dach von PromoterSuisse dem Bundesamt für Gesundheit eigentlich einen viel vorsichtigeren Exitplan vorgelegt hatte. Überraschend auch, weil die Schweiz das einzige Land Europas war, das Clubbing, so wie man es kannte, wieder zuliess.

Der gesellschaftliche Druck nahm weiter zu.

Trotz der Skepsis der Öffentlichkeit und der Empfehlung der Science Taskforce, Clubs nicht zu besuchen, fanden Hunderte von Veranstaltungen statt, ohne dass es zu einem Ansteckungsverdachtsfall kam. Mitte Juni häuften sich die Fälle, in denen klar war, dass eine positiv auf Covid-19 getestete Person einen Club besucht hatte. Als Ende Juni im Rahmen eines Contact Tracing Case plötzlich festgestellt werden musste, dass vereinzelte Gäste fehlerhafte Daten angaben, war das Entsetzen in der Öffentlichkeit gross. Das Öffnen der Clubs wurde sowieso mit Argwohn betrachtet, galt das Nachtleben ja seit Ischgl als Antreiber der Covid-19-Pandemie. Schnell war die Rede von einer zweiten Welle, ausgelöst durch Partygänger*innen. Dabei interessierte es herzlich wenig, dass die ersten Fälle Personen betrafen, die sich zuvor auf Auslandreisen angesteckt hatten. Vielleicht hat gerade das Nachtleben mit dem konsequenten Contact Tracing dazu beigetragen, dass diese Erkrankten möglichst früh entdeckt worden sind. Doch der moralische Druck, Partys zu verbieten, nahm mit jedem Contact-Tracing-Fall zu. Die Medien warteten fast gierig auf den nächsten Fall und die SVP forderte nicht mehr die Öffnung, sondern die sofortige Schliessung der sogenannten «Spasslokale».

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Es braucht eine langfristige Perspektive.

Ob es tatsächlich in den Clubs zu Ansteckungen kam – und falls ja, unter welchen Umständen –, bleibt bis jetzt unklar. Und es wird wohl immer unbeantwortet sein, ob Lüftungseinstellungen oder Paartanz eine mögliche Ansteckung begünstigten. Doch es war nur eine Frage der epidemiologischen Lage und damit der Zeit, dass das Nachtleben wieder als Erstes von einem nächsten Lockdown betroffen sein wird. Erste Vorboten traten mit der Maskenpflicht ein, dann kam eine Reduktion der Gästeanzahl bei Veranstaltungen auf 100 Personen. Zu guter Letzt wurde eine sitzende Konsumationspflicht eingeführt. Die wirtschaftliche Grundlage war aber für die meisten Betriebe schon bei 300 Personen mit Sektorisierung nicht mehr gegeben. Einzelne Betriebe hatten aufgrund ihrer Grösse seit März keine einzige Veranstaltung mehr durchgeführt. Ende Oktober hatte dann der Bund ein Einsehen und verbot Veranstaltungen wieder.

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Nun befinden sich die Nachtkulturunternehmen seit vier Monaten im zweiten Lockdown. Glücklicherweise gibt es nun neben der Entschädigung für Kulturunternehmen den Härtefall. Dieser ermöglicht nun auch Bars einen Zugang zu Unterstützung. Doch noch fehlt die immer drängendere Perspektive, ab wann das Nachtleben wieder unter sicheren und wirtschaftlich tragbaren Bedingungen stattfinden kann. Vielleicht öffnet sich durch geänderte Testregime ein «Window of Opportunity»? Wäre es nicht zu prüfen, während einer Übergangsphase den Zugang zu Clubs oder Bars ohne sitzende Konsumation auf Gäste zu beschränken, die einen negativen Corona-Test vorweisen können? Doch bis dahin gibt es noch einiges zu klären. Vor allem müssen kostenlose Selbsttests für zu Hause vorliegen. Denn dass ein Test direkt am Eingang durchgeführt wird, ist wohl eher Science-Fiction als Realität. Doch die Diskussion muss nun geführt werden, nicht nur am Beispiel von Veranstaltungen. Bis dahin bleibt den Akteur*innen des Zürcher Nachtlebens nichts anderes übrig, als zu versuchen, die Leute mittels Stream und interaktiver Technologien zu Hause zu unterhalten.

Limmatstream, das erste virtuelle Clubfestival

Endlich wieder clubben gehen! Zwar nicht in Fleisch und Blut. Aber immerhin mit Aug’ und Ohr. Am Samstag, 13. März, kannst du deinen Avatar losschicken, um in fünf stadtbekannten Zürcher Musikclubs zu feiern, respektive in deren virtuellen «Zweigstellen». Ein bisschen wie Tron, einfach ohne halsbrecherische Motorradrennen, dafür inklusive feiner elektronischer Musik.

Dein Avatar kann im Hive, in der Zukunft, im Labor 5, im Clubbüro IG Rote Fabrik und im X-TRA und zur Mucke von Acts, Plattformen und Labels wie Animali Trainer, Playlove, Kalabrese & Rumpelorchester (live), Mystica, Liquid Soul, Les Belles de Nuit, UBWG, Vanita und vielen, vielen abhängen, die musikalische Seele baumeln lassen und sich selbstverständlich mit Gleichgesinnten austauschen.

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