05.11.2018

«Ich war schon von klein auf ein riesiger Comic-Nerd»

Seit bald 13 Jahren lebt die Basler Illustratorin Kati Rickenbach in Zürich. Nach dem Studium in Luzern begann sie beim Comic-Magazin Strapazin, veröffentlicht Bücher und ist Mutter von zwei Kindern. Ihre Illustrationen erzählen vieles – unter anderem, was so «typisch Zyri» ist.

«Hey, herzlich willkommen, komm rein!», begrüsst mich Kati und gibt mir das Gefühl, als ob wir uns schon lange kennen würden. «Möchtest du eine Führung?», fragt sie, als ich mich neugierig im geräumigen Strapazin-Atelier umschaue. Na klar, antworte ich.

Klack, klack, klack begleitet uns das Geräusch ihrer Absätze, als wir an mit Blättern und Stiften übersäten Arbeitstischen und an Regalen voller Bücher vorbeigehen. Entwürfe und Plakate hängen an den Wänden, Jazz liegt in der Luft. «Schau, das ist Lori», sagt Kati und macht mich mit einigen der Illustratoren bekannt, «... das hier ist Luigi … und dort hinten sitzt Andrea.» Insgesamt 17 Illustratorinnen, Grafiker, Comiczeichnerinnen, Trickfilmer und Schreibende haben an der Eglistrasse 8 ihren Arbeitsplatz. Davon sind fünf, jeweils in unterschiedlichen Konstellationen, an den vierteljährlich erscheinenden Strapazin-Ausgaben beteiligt.

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«Ich war schon von klein auf ein riesiger Comic-Nerd», sagt Kati und grinst. Diese Faszination lebte sie auch aus: Während der Schulzeit in Basel arbeitete sie in einem Comic-Shop, las «Asterix und Obelix» und zeichnete am laufenden Band. 2001 folgte dann das Studium als Illustratorin an der Hochschule Luzern. Ihr Atelier befand sich im Gelben Haus, einem ehemaligen Schwesternheim. «Das war eine lustige Zeit», erinnert Kati sich. «Es fanden oft Konzerte im Keller statt; ausserdem hatten wir eine wunderschöne Aussicht auf die Reuss und einen grossen Garten vor dem Haus. Jemand hat dort sogar ein paar Hühner gehalten.»

«Als Christophe Badoux in den Raum trat, hat ihn fast der Schlag getroffen.»

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Für ihre Abschlussarbeit fragte sie dann den Strapazin-Illustrator Christophe Badoux als Mentor an. Seine Arbeit bewunderte sie schon lange. «Ich glaube, dass ich Christophe am Anfang etwas überfordert habe», meint Kati und lacht. Sie habe jedes Panel ihres 80-seitigen Comics als A6-formatige Illustration gezeichnet und an die Wand gehängt. Daraus resultierte ein tapetenähnliches Geflecht aus 800 Zeichnungen. «Als Christophe in den Raum trat, hat ihn fast der Schlag getroffen», sagt Kati. «Ich glaube, einen Moment lang war er sich selbst nicht mehr sicher, ob aus den einzelnen Illustrationen jemals ein Buch entstehen würde.» Doch die Abschlussarbeit «Filmriss» wurde fertig und 2007 veröffentlicht.

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Nach ihrem Abschluss schlug ihr Badoux ein Praktikum beim Strapazin vor. «An meinem ersten Tag war alles noch etwas unorganisiert», erzählt Kati. «Christophe und ich mussten erst mal in den Letzipark, um eine Tischplatte und zwei Böckli für mich zu kaufen.» Nachdem das ursprünglich für drei Monate vorgesehene Praktikum länger und länger wurde, wurde sie 2006 schliesslich festes Mitglied im Strapazin-Atelier.

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Ihr Arbeitsplatz – Tisch inklusive – befindet sich nun vor einem der grossen Fenster des Strapazin-Ateliers. Das herbstliche Sonnenlicht scheint auf die vielen Entwürfe und herumliegenden Stifte. «Da ich nicht zu Hause arbeite, muss ich zum Glück nicht immer aufräumen», meint die 38-Jährige. Denn die Arbeit wolle sie räumlich vom Privatleben mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann trennen. Trotzdem sei ihr der Beruf sehr wichtig. «Er ist sozusagen mein drittes und ältestes Kind», sagt Kati und lacht.

«Der Alltag in Zürich ist viel schnelllebiger, der in Basel viel gemütlicher. Auch die Leute sind in Zürich gestylter.»

In diesem Atelier entstehen viele ihrer Illustrationen: Teils fiktiv, teils autobiografisch schildern sie den Alltag der gebürtigen Baslerin in Zürich. Was so «typisch Zyri» ist, zeichnete sie bereits 2006 für den Züritipp und seit diesem Jahr im Wimmelstreifen «Züriversum», der jeden Montag im Tages-Anzeiger erscheint. «Ich lasse mich von meinem Alltag inspirieren, von dem, was mir auffällt, wenn ich beispielsweise auf dem Velo durch die Stadt fahre.» So werden die Passantinnen und Passanten auf dem überfüllten Fahrradstreifen über der Hardbrücke oder die Kassiererin, die sich über eine Alkoholallergie und Heuschnupfen beklagt, zu den Protagonistinnen und Protagonisten ihrer Comics. «Ich skizziere jedes Detail, das mir auffällt», bemerkt sie und blättert durch ihr Notizbuch. «Ok, das ist jetzt nicht von mir», meint sie und schmunzelt, als eine Zeichnung ihrer sechsjährigen Tochter zum Vorschein kommt.

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Um das Leben in Zürich zu porträtieren, helfe es, nicht in der Stadt aufgewachsen zu sein, meint Kati. «Es fallen einem viel mehr Eigenheiten auf, wenn man woanders gross geworden ist. Man vergleicht auch viel mehr», fährt sie fort. «Der Alltag in Zürich ist viel schnelllebiger, der in Basel viel gemütlicher. Auch die Leute sind gestylter. In Basel sehe ich oft gräuliche Daunenjacken. Ja, Zürich hat einfach mehr Glamour!», sagt sie und lacht.

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«Weisst du, mein Werdegang war eigentlich total vorhersehbar.»

Neben autobiografischen Illustrationen arbeitet Kati auch an Sachcomics. Nach «Neuland» (2015) zum Thema Wochenbett und Stillen und «Let’s talk about gender!» (2017) wird sie nun mit der Sexual- und Psychotherapeutin Dania Schiftan «Let’s talk about sex!» realisieren. «Wenn ich das Wort ‹Sexualtherapie› höre, denke ich immer: ‹Oh, wie interessant, wie geht denn sowas?› Und genau darum geht es: Denn meine Neugierde soll einen Blick in diese Welt ermöglichen.» Das Buch wird voraussichtlich 2019 in der Edition Moderne erscheinen.

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Sie habe das Gefühl, in Zürich genau am richtigen Ort zu sein, sagt Kati. «Weisst du, mein Werdegang war eigentlich total vorhersehbar: Ich wusste von Anfang an, dass ich Comics zeichnen und in einer grösseren Stadt wie Zürich leben möchte.» So vorhersehbar, dass es schon fast wieder langweilig sei, fügt sie mit einem Grinsen an. Ob langweilig oder nicht – ihre Geschichten sind es jedenfalls nicht.

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