15.03.2019 – Kultur & Nachtleben

«Es gibt noch viel zu tun!»

Text: Eva Hediger

Eine halbe Million Schweizerinnen streikten im Sommer 1991. Am Freitag, 14. Juni, findet zum zweiten Mal ein landesweiter Frauenstreik statt. Auch in Zürich läuft die Organisation bereits auf Hochtouren: Ein Kollektiv trifft sich regelmässig, plant Aktionen und arbeitet ein mehrseitiges Manifest aus. Drei Zürcherinnen erzählen uns von ihrem Engagement und ihrer Motivation.

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So streikten die Frauen 1991. Bilder: Schweizerisches Sozialarchiv

«Ich hoffe, dass dieser Tag die Bewegung weiter stärkt»

«Bis in der Schweiz und auf der Welt die Gleichberechtigung erreicht ist, gibt es noch so viel zu tun! Ich hatte bereits als Kind Mühe mit den klassischen Rollenbildern. Rosa gefiel mir nicht, ich erledigte ungern Handarbeiten und mochte es, im Dreck zu spielen. Noch heute stört es mich, dass die Gesellschaft Frauen bestimmte Eigenschaften zuschreibt, diese aber dann ständig abwertet. Zum Beispiel muss eine Frau fürsorglich sein. Doch Fürsorge gilt eigentlich als Schwäche. Ich finde es auch problematisch, dass der Frauenanteil im Ständerat nur 15 Prozent beträgt. Und letztes Jahr wäre es sogar möglich gewesen, dass wieder nur eine Frau im Bundesrat gewesen wäre! Das finde ich einfach gesamtgesellschaftlich nicht in Ordnung. Ich bin deshalb schon länger feministisch aktiv – und werde es nach dem Streiktag weiterhin sein. Ich hoffe, dass dieser Tag die Bewegung weiter stärkt.

Meine Mutter hat mir vom ersten Frauenstreik in der Schweiz erzählt. Sie hat damals in der Innerschweiz gearbeitet und am Nachmittag gestreikt. Der lokale Frauenverein hat in der Gemeinde Tische und Bänke aufgestellt. Dort haben dann die Frauen ziemlich demonstrativ Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Sie haben so ein Zeichen gesetzt. Das ist mir auch in diesem Jahr wichtig: Es geht darum, dass möglichst viele Frauen und queere Identitäten solidarisch dabei sind, sich angesprochen fühlen und ihre Anliegen vertreten können. Es muss nicht jede den ganzen Tag streiken – uns ist völlig klar, dass das nicht allen möglich ist. Es können alle selbst entscheiden, wie sie den Streik unterstützen möchten – zum Beispiel auch, indem sie an diesem Tag einen Button tragen oder die Mittagspause mit uns verbringen.»

Anna-Béatrice Schmaltz

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«Der Streik ist ein Mittel, kein Zweck»

«Ich wurde sechs Jahre nach dem ersten Frauenstreik geboren. Ältere Frauen haben mir aber von diesem Tag erzählt. Dass sich damals Hunderttausende Frauen miteinander solidarisierten und gemeinsam etwas verändern wollten, hat jede Einzelne gestärkt. Es muss eine unglaubliche Energie geherrscht haben! Ich hoffe, dass der Streik heute gleich verbindend ist. Ich bin politisch schon länger aktiv. Früher habe ich mich aber nicht wirklich für Feminismus interessiert – mir waren Themen wie der Klimawandel näher und wichtiger. Doch dann habe ich eine Feministin kennengelernt. Mit ihr habe ich Bücher der Engländerin Laurie Penny gelesen. Ich habe immer mehr verstanden, wie wichtig Gleichberechtigung ist – und wie sehr Natur und Mensch zusammenhängen.

Beim Frauenstreik engagiere ich mich in der Mediengruppe – wir haben unter anderem auch eine WOZ-Beilage geschrieben. Allgemein sind in der Bewegung sehr viele junge Frauen vertreten, es sind aber auch ältere dabei. Es ist uns wichtig, dass wir eine möglichst vielseitige Gruppe sind. Wir möchten beispielsweise nicht nur aus Akademikerinnen oder Schweizerinnen bestehen – wir wollen auch Migrantinnen oder Pflegepersonal miteinander vernetzen. Jede soll ihr Anliegen einbringen können. Für mich ist die Gewalt an Frauen und Queers ein zentrales Thema. Es kann nicht sein, dass wir uns auf dem nächtlichen Heimweg fürchten müssen oder Gewalt in Beziehungen verharmlost wird. Es ist wichtig, dass unser Engagement nach dem Streik weitergeht. Zwei Tage später findet auf dem Kasernenareal ein Frauenfest statt. Der Streik ist ein Mittel, kein Ziel.»

Nadia Kuhn

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«Solche Ungerechtigkeiten habe ich noch nie verstanden»

«Ich finde, dass wir den diesjährigen Frauenstreik auch jenen Frauen schulden, die 1991 aktiv waren. Wegen ihres Einsatzes wurde 1996 das Gleichstellungsgesetz realisiert. Leider wird es aber bis heute nicht wirklich umgesetzt: Frauen verdienen immer noch weniger als Männer, sie müssen für vergleichbare Produkte mehr zahlen und verschiedene Hygieneprodukte wie Binden und Tampons werden höher besteuert. Solche Ungerechtigkeiten habe ich noch nie verstanden. Bereits in der Schule haben meine Schwester und ich uns immer gewehrt, wenn wir uns unfair behandelt fühlten. Wir sind bei unseren Eltern aufgewachsen. Mir war schon als Kind nicht klar, wieso mein Vater im Haushalt weniger Aufgaben übernehmen sollte als meine Mutter.

Es ist mir ein Anliegen, dass solche Arbeiten von der Gesellschaft wertgeschätzt und sogar finanziell entlohnt werden. Viele Frauen haben einen Teil- oder einen Vollzeitjob und kümmern sich trotzdem fast alleine um Kinder und Haushalt. Das sollte gewürdigt werden! Auch sonst soll Care-Arbeit mehr wertgeschätzt werden. Sie ist seelisch und körperlich sehr anstrengend und sollte deshalb unbedingt besser bezahlt werden. Auch weil diese Pflegeberufe in der Zukunft immer wichtiger werden. Das ist einer meiner Hauptanliegen des Streiks, auch wenn ich selbst in der Industrie als Projektleiterin tätig bin. Es ist wichtig, dass beim Streik die verschiedensten Frauen mitmachen – aus allen Bereichen und mit unterschiedlichen Hintergründen. Wir haben ja sowieso alle mehrere verschiedene Funktionen – eine Politikerin kann ja auch Mutter und Pflegerin sein. Ich werde auch nach dem 14. Juni weiterhin aktiv sein. Ausser natürlich, wenn nach diesem Tag alle Probleme gelöst wären – was ich aber leider nicht glaube.»

Martina Germann

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