13.03.2020 – Endstation

Tiefenbrunnen – Auftakt zur Goldküste

Text & Fotos: Ueli Abt

Nach Tiefenbrunnen fuhr das erste Zürcher Tram. Heute enden hier die Linien 2 und 4. Es gibt noble Lokale, Autowaschanlagen und Badeanstalten. Beton wird hier nicht nur verbaut, sondern auch gleich gemischt.

Wer noch nie eine Autowaschanlage mit integrierter Eventlocation gesehen hat, dem sei ein Besuch in Zürich Tiefenbrunnen empfohlen. Wir sind zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie, unweit von Tramschlaufe und Bahnstation: Stylish zur Seite gekippt sind die Wände des zweistöckigen Baus. Unten gibt es die Waschstrasse, oben den edlen Partyraum. In vornehmem Anthrazit gehalten sind auch die Boxen mit den Autostaubsaugern nebenan.

Tiefenbrunnen–Paradeplatz war die erste Tramstrecke der Stadt.

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Die originelle Mischnutzung scheint geradezu exemplarisch für Tiefenbrunnen zu sein. Denn es wirkt, als ob sich das Quartier nicht so richtig entscheiden könnte, ob es schlichte Peripherie oder grandioser Auftakt zur Goldküste sein will.

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Hier gibt es eine Vinothek, edle Gastronomie, Kunst und Kultur, Privatkliniken und Büros. Aber nebst den Villen sind da auch die Mehrfamilienhäuser, das «SBB Park&Rail» und daneben eine Snackbar. Praktisch am See liegt die Kibag, ein Betonwerk: Am schönen Zürichseeufer, wonach der Strassenname «Bellerive» klingt, fahren mit Kies und Sand gefüllte Laster vor.

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Feiern oder putzen? Hier geht beides.

Tiefenbrunnen ist ein Ort des Verkehrs – auch des ruhenden. Parkplätze gibt es reichlich, auch auf der wuchtigen Beton-Überführung, der Zufahrt nach Zollikon. Am Ufer stehen Bötchen und Boote herum. Ein Projekt, um den Hafen in Form einer Marina etwas mondäner zu gestalten, harrt noch der Umsetzung. Zwischen Zürichhorn und Stadtgrenze dominieren Fahrspuren, Gleise und Parkplätze klar – ein Kontrastprogramm also zum Flurnamen «Tiefenbrunnen», der lauschig und fast ein wenig märchenhaft klingt.

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Den Namen hat der heutige Stadtteil von einem Wirtshaus. Es stand an einer spitzwinkligen Kreuzung zwischen Bahngleisen und Seefeldstrasse. Die Kreuzung mit Barrieren unweit der Tram-Endschlaufe gibt es bis heute, das Lokal verschwand. Im Wirtschaftsverzeichnis des Kantons Zürich von 1850 taucht das Wirtshaus «zum Tiefen Brunnen» erstmals auf. Laut Nicola Behrens, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zürcher Stadtarchivs, benannten die Gebrüder Conrad und Johannes Unholz ihre Taverne nach einer Quelle auf dem benachbarten Grundstück. Es soll gemäss Überlieferung eine «reichlich sprudelnde Quelle mit ausserordentlich gutem Wasser» gewesen sein. Behrens geht davon aus, dass in früheren Jahrhunderten die Quelle oberirdisch und möglicherweise als Ziehbrunnen gefasst war – als tiefer Brunnen eben.

Das Quartier ist nach einem alten Wirtshaus benannt.

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Bild: Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich

Das gute Wasser war fürs Brauereigewerbe interessant. Gleich neben dem Wirtshaus wurde Ende der 1880er-Jahre eine Brauerei gebaut. Ab 1913 wurde das Gebäude fortan als Mühle genutzt, der Name «Mühle Tiefenbrunnen» blieb. Im denkmalgeschützten Gebäudekomplex gibt es heute ein Museum, ein Designmöbel-Geschäft, ein Fitness-Studio und eine Bühne.

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Gebraut wird in Tiefenbrunnen mittlerweile wieder. «sBier», wie das Produkt schlicht heisst, entsteht in einer Scheune an der Flühgasse. Lange drehte sich hier aber auch viel um den Rebensaft. Die ehemaligen Weinbauernhäuser am Hang deuten noch darauf hin. 1893 wurde die einst unabhängige Gemeinde Riesbach – und somit auch Tiefenbrunnen – ein Teil der Stadt Zürich.

Tiefenbrunnen ist voller Gegensätze.

Eine gehobene Gesellschaftsschicht wohnte zu jener Zeit hier. Diese kam als Erste in den Genuss einer neuen, praktischen Verbindung ins Stadtzentrum: 1882 nahm das Rösslitram den Betrieb auf. Die Verbindung vom Paradeplatz nach Tiefenbrunnen war die erste Zürcher Tramlinie überhaupt.

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Laut Auskunft von Bruno Gisler vom Zürcher Trammuseum lag die Endhaltestelle zunächst beim noch heute bestehenden Restaurant Hornegg an der Seefeldstrasse 201. Als die rechtsufrige Zürichseebahn 1894 den Betrieb aufnahm, verlängerte man die Tramlinie bis zum Bahnhof Tiefenbrunnen, wo bis heute die Endhaltestelle liegt. Ab 1900 fuhren die ersten Trams mit Strom.

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Bei all den Gleisen, Fahrstreifen und Parkplätzen: Tiefenbrunnen ist nicht nur vom Verkehr geprägt, sondern auch von Freizeit und Sport. So finden am Seeufer – zwischen Jollensteg, Kibag und Stadtgrenze – beispielsweise auch Taucher noch ein Plätzchen für ihr Training.

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Und etwas weiter stadteinwärts gibt es das Strandbad Tiefenbrunnen. Damit leistet sich die Stadt ein Stück konsequente Architektur. Eine Insel ist die für alle zugängliche Anlage aus den 1950er-Jahren, hier ist man vorübergehend befreit vom umliegenden Sowohl-als-auch, dem Mix aus Stadtrand und Goldküste. Es gibt ein Teehaus, ein geschwungener Steg wirkt wie aus einem Gemälde eines Impressionisten. Ein wenig romantisierend, ein wenig nostalgisch – das passt doch ziemlich gut zum Namen «Tiefenbrunnen».

Adresse

Tiefenbrunnen
8008 Zürich

Infos

Tiefenbrunnen ist die Endhaltestelle des 2er- und 4er-Trams sowie der Buslinien 33 und 910.