21.10.2021 – Stadt & Geschichte

«Ich träume von einem autofreien Zürich»

Interview: Lothar Lechner Bazzanella Bilder: Critical Mass Zürich

Hunderte Velos bewegen sich einmal im Monat als gemeinsamer Schwarm – begleitet von lauter Musik, Trillerpfeifen und ordentlich guter Laune – durch die Zürcher Innenstadt. Die Critical Mass – wie sie sich selbst nennt – trifft dabei jedoch nicht nur auf verständnisvolle Zuschauer*innen. Ein Gespräch mit zwei Teilnehmern, die seit Jahren bei der Critical Mass mitfahren und anonym bleiben wollen. Was will man erreichen? Wer organisiert die Umzüge? Und was hat es mit dem Velochor auf sich?

Könnt ihr in wenigen Worten erklären, was die Critical Mass ist?

Schwierig. Für mich ist es ein spontanes, grossen Aufkommen von Velofahrenden.

Mit welchem Ziel?

Das ist unmöglich zu definieren. Denn jede und jeder kann bei der Critical Mass ganz eigene Ziele verfolgen. Dafür muss man eigentlich nur einen Flyer vorbereiten und den verteilen. Da kann es einmal um Veganismus gehen, um autofreie Städte oder um eine Party. Deshalb könnte man sagen, dass die Critical Mass für uns beide etwas komplett anderes ist.

Die Critical Mass als solche hat also keine direkten Ziele?

Nein. Sie bietet bloss den Rahmen für ganz viele tolle Projekte und Bewegungen. Deshalb können wir beide auch nicht für die Critical Mass – kurz CM – sprechen. Wir sind nur Teilnehmende. Der einzige sichere gemeinsame Nenner, der uns mit anderen Teilnehmenden verbindet, ist das Velo.

«An einem Tag im Monat sind wir nicht der schwächste, sondern der stärkste Teilnehmer im Strassenverkehr.»

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Wieso gerade das Velo?

Für uns bedeutet das Velo vor allem Freiheit. Gleichzeitig ist es unfassbar befriedigend, mal an einem Tag im Monat nicht der schwächste, sondern der stärkste Teilnehmer im Strassenverkehr zu sein. Die Fahrten mit dem Velo helfen auch, zu sensibilisieren und den anderen Verkehrsteilnehmenden ein wenig die Augen zu öffnen.

Inwiefern?

Die Menschen in ihren Autos – Käfigen aus Blech – sehen uns und wie viel Freude wir auf dem Velo und in der Gemeinschaft haben. Viele stehen am Rand und applaudieren sogar oder machen Videos. Klar, es gibt auch jene, die ausrasten, weil sie nicht weiterdürfen. Es ist doch so: Autofahrer*innen haben sich mit ihrem Auto ein Stück Freiheit gekauft – die Freiheit, irgendwo hinfahren zu können und dabei Lärm und Dreck zu produzieren. Und dann kommen wir daher und schränken mit unserer Freiheit auf dem Velo diese erkaufte Freiheit plötzlich ein. Das kann schon nerven. Und je mehr wir uns auf dem Velo freuen und Spass haben, desto schneller kann der eine oder die andere Autofahrer*in sich ärgern und hupen.

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«Ich träume natürlich von einem autofreien Zürich.»

Kann man von der CM zumindest behaupten, dass sie für mehr Freiheiten für Velofahrer*innen ist?

Klar verbindet uns alle das Velofahren. Und ich träume natürlich von einem autofreien Zürich. Dennoch gilt: An der CM können alle teilnehmen. Also auch Leute, die das anders sehen als ich.

Wenn es beinahe unmöglich ist, die Ziele der CM als solche zu definieren, ist es doch im Umkehrschluss auch schwierig für die Politik, auf deren Anliegen einzugehen. Oder nicht?

Jein. Die CM steht nicht für oder gegen etwas, doch sie bietet eine Plattform. Wenn man ein bestimmtes politisches Anliegen hat, kann man das in der CM bewerben. Und falls das Anliegen Anklang findet, hat man ganz schnell ein paar Hundert Stimmen mehr zusammen.

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Wann gab es die erste Critical Mass?

Das war in den 1990er-Jahren in San Francisco. Seitdem hat sich das so simple und gerade deshalb so geniale Konzept weltweit verbreitet. Irgendjemand verteilt einen Flyer mit Uhrzeit und Treffpunkt, und schon kann die CM starten. Heute gibt es die Critical Mass in über 300 Städten weltweit.

Wie viele fahren jeden Monat bei der CM mit?

Das variiert und ist auch vom Wetter abhängig. In den Sommermonaten sind es meistens mehrere Tausend. Jährlich bringt die Critical Mass rund 30’000 Leute auf die Strasse.

Wir haben vorhin über die Erfahrungen mit anderen Verkehrsteilnehmenden gesprochen. Was ist mit der Polizei?

Das ist ein heikles Thema. Fakt ist: Alle sind eingeladen, an der CM mitzufahren. Aber gewisse Regeln müssen auch hier eingehalten werden: Nicht diskriminieren, nicht gewaltbereit, nett zueinander. Und das wird jedes Mal auch so durchgezogen. Ich bin prinzipiell nicht dagegen, dass die Polizei mitfährt. Ich bin aber umso mehr enttäuscht, wenn sie wieder einmal mit ihrem Repressionsapparat auffährt und Gewalt anwendet.

«Wir hinterfragen veraltete, starre Strukturen. Daran stört sich die Polizei.»

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Warum ist das aus deiner Sicht so?

Ich denke, dass viele sich daran stören, dass wir veraltete, starre Strukturen hinterfragen. Nehmen wir zum Beispiel die Polizei: eine hierarchische Struktur. Wir hingegen sind komplett unhierarchisch und bewegen uns wie ein fluider Schwarm ohne klares Ziel durch die Strassen. Wir brauchen keinen Befehl von oben, sondern fahren lustvoll drauflos. Wir sind dynamischer und kreativer und daher sehr viel schwerer zu kontrollieren. Natürlich stört das die hierarchischen Strukturen, und sofort wird dann Druck ausgeübt. Aber nicht nur hierarchische Strukturen hinterfragen wir. Die CM hat – für mich zumindest – auch einen gesellschaftspolitischen Nutzen.

Welchen?

Sie bringt Leute zueinander und fördert damit den demokratischen Prozess. Alle können an der CM ihre Anliegen vorbringen und wenn jemand genug Zuspruch findet, dann stehen die Chancen sehr gut, dass tolle Projekte daraus entstehen. Gleichzeitig lernt man an der CM auch Respekt gegenüber anderen Ideen und Vorstellungen. Die CM ist deshalb auch keine Demo, an der es für oder gegen etwas geht, etwa gegen Kohlekraftwerke. Man geht nicht an die CM, weil gewisse Leute einen gewissen Slogan ausgerufen haben, dem man folgt. Man geht hin, um sich auszutauschen und um zusammen mit anderen im besten Fall gewisse Bewegungen und Projekte ins Leben zu rufen.

«In Zürich Nord entsteht gerade der sogenannte Velochor.»

Was für Projekte zum Beispiel?

Wir beide haben uns zum Beispiel bei einer CM 2018 kennengelernt. Mittlerweile haben wir zusammen schon den Verein Vélorution gegründet. Ausserdem organisieren wir sechs oder sieben Mal im Jahr die Kidical Mass, einen bewilligten Kinderveloumzug. Andere Beispiele sind das Velokino, das Magazin Xerosophin, das Velocafé oder das Projekt Stadt-Land-Velo, bei welchem wir Bauernhöfe in Stadtnähe mit dem Velo besuchen und somit unterstützen. In Zürich Nord entsteht ausserdem gerade der sogenannte Velochor.

Velochor?

Wir wissen nicht, wie lange die verschiedenen Soundwagen, die bei der CM jeweils mitfahren, noch erlaubt sind. Beim letzten Mal wurden sie erneut von der Polizei aus dem Verkehr gezogen. Deshalb entsteht gerade ein Velochor. Wie schön wäre es, wenn plötzlich ein paar Tausend Menschen singend durch die Strassen fahren! Unsere Stimme kann man uns nämlich nicht verbieten.

Klingt nach jeder Menge Projekten.

Auf jeden Fall. Aus der Critical Mass ist mittlerweile ein riesiges Universum entstanden. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die CM frei bleibt und weiterhin Raum bietet für neue und tolle Ideen.