Kultur & Nachtleben | LGBT-Kolumne

Arztpraxis oder Billigporno?

Kolumne: Anna Rosenwasser

Anna Rosenwasser schreibt, wie sie in Zürich lebt und liebt. Dieses Mal findet die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, dass wir übersext und unterfickt sind. Sie fordert deshalb: Darkrooms für alle!

In Zürich gibt’s ja doch den einen oder anderen Sexshop – vom Niederdörfli über den Kreis 5 bis nach Altstetten. Seltsamerweise aber sind viele von ihnen blickgeschützt. Oftmals haben sie nicht einmal ein Schaufenster. Als wäre alles, was sich da drin verbirgt, gefährlich, verboten oder daneben. Mit Laufschuhen macht Jogging mehr Spass, also zieren wir die Sportläden mit Laufschuhen. Mit Accessoires macht das Outfit mehr Spass, also gibt’s Schmuck und Handtaschen zu sehen. Aber wenn’s darum geht, dass Sex Spass machen kann, muss man plötzlich – sogar gesetzlich vorgeschrieben – alles abdecken?

Wir müssen über Sex reden, weil er überall ist und gleichzeitig nirgends.

Wir müssen über Sex reden. Und zwar nicht mit dem Lied «Let’s talk about sex» im Hintergrund, wie bei absolut jedem schlechten TV-Beitrag über irgendein pseudo-sexy Thema. Nein, wir müssen über Sex reden, weil er überall ist und gleichzeitig nirgends. Auf Englisch gibt’s den Ausdruck: «oversexed and underfucked». Also «übersext und unterfickt». Und ein bisschen stimmt das: Sex ist überall um uns rum: Von YouPorn bis zum Penis, den wir unserem betrunkenen Freund aufs Gesicht malen. Aber über Sex reden, ausserhalb von Angeberei und schlechten Witzen, das machen wir mega selten.

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Ich gebe unserer Sprache die Schuld. Im Deutschen – und im Schweizerdeutschen sowieso – bewegen sich unsere Sex-Wörter immer nur in zwei Richtungen: Arztpraxis oder Billigporno. «Klitoris»: Arztpraxis. «Schwanz»: Billigporno. «Penetrieren»: Presslufthammer. «Fingern»: Was ist Fingern? Kann man übrigens pornofrei googeln. Ich hab’s getestet. Also das Googeln.

Hinzu kommt, dass es nur mega unkonkrete Wörter gibt für alles, was mit Nähe zu tun hat. Unsere Sprache hat gewissermassen Berührungsängste vor der Berührung. Rummachen. Was mit jemandem anfangen. Mit jemandem ins Bett gehen. Sieht man sich diese Wendungen genau an, sind sie schrecklich ungenau. Warum so schüchtern?

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Wer wäre im Ausgang nicht auch schon mal froh drum gewesen, einen Ort für Sex zu haben?

Apropos schüchtern: Wir Schweizerinnen und Schweizer gelten ja auch nicht gerade als stolze Schlampen. Leider. Drum schiele ich gelegentlich bewundernd in manche Teile der Schwulenszene: Für männerliebende Männer gibt es Apps, die vorwiegend für casual Sex genutzt werden. «Grindr» heisst die beliebteste. «To grind» heisst so viel wie «zerreiben» oder «wetzen». «Tinder» heisst übrigens «Zunder». Und wenn du einen «Match» hast, hast du übersetzt ein Zündhölzli. Schlaue Wortspiele, that’s my kink!

In manchen Gay Clubs gibt’s Darkrooms, also Räume, wo’s zur Sache geht. Im queeren Untergrund Zürichs gibt es Tanzpartys, an denen man ebenfalls Sex haben kann. Du findest die Vorstellung eklig? Erstens: Warum? Zweitens: Easy, ist ja auch nur für die, die so was gut finden. Aber das sind eben nicht wenige: Wer wäre im Ausgang nicht auch schon mal froh drum gewesen, einen Ort für Sex zu haben? Ich meine, solche Orte sind die perfekte Antwort auf: «Sueched eu es Zimmer!»

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Ich fordere: Sexsaunas für alle! Darkrooms für alle! Sex-Apps für alle! Wenn wir offener mit Sex umgehen, geht das Tabu weg. Erst dann können wir unsere Sexualität fair und sicher gestalten. Und anerkennen, dass manche Menschen gern casual Sex haben, genauso wie manche Menschen lieber monogamen Sex mögen oder gar keinen. Und diese Erkenntnis, liebe Lesende, hat nichts mit Homos oder Heteros zu tun. Sie ist quasi geschlechterneutral.