11.06.2019 – Storys & Specials | Zu Besuch bei

«Wir leben hier sehr ‹down-to-earth›»

Text: Eva Hediger Fotos: Jasmin Frei

Das Ensemble des «Zirkus Chnopf» lebt in 16 Wagen auf dem Koch-Areal. Darunter sind auch Produktionsleiter Dave Sieger und Artist Max Gnant. Letzterer hat uns sein temporäres Zuhause gezeigt.

Das Zirkusquartier befindet sich am Standrand von Zürich. Wer es von der City aus besucht, kommt an riesigen, modernen Bürokomplexen vorbei. Früher stand auf dem Koch-Areal eine Fabrik, dann lebten Besetzer hier. 2017 übernahm der Verein Chnopf einen Teil der besetzten Fläche, darunter eine grosse Halle, ein mehrstöckiges Gebäude und Platz für rund 16 Wagen.

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Mit diesen Wagen tourt der Zirkus Chnopf im Frühling und Sommer durch die Schweiz. Gemächlich. Für die Strecke Zürich–Bern rechnen die Zirkusleute mit bis zu sechs Stunden Fahrzeit. «Die grösseren Wagen können nur 20 Kilometer pro Stunde fahren», erklärt Dave Sieger, der seit drei Jahren Produktionsleiter des Zirkus Chnopf ist. Während der Saison schläft er, wie alle seine Kolleginnen und Kollegen, auf dem Zirkusareal.

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«Die Küche ist unser ganzer Stolz», sagt Dave. Sie ist ebenfalls in einem Wagen untergebracht. Diesen hat der Zirkus Chnopf selbst geplant und mithilfe von Schreinern auf ein altes Lkw-Fahrgestell gebaut. Der Wagen ist isoliert, auf dem Dach sind Solarzellen angebracht. «Irgendwann will der ganze Zirkus Chnopf seinen Strom selbst herstellen», sagt Dave. Dann sollen auch die Traktoren mit Sonnenenergie fahren. Noch heizt sie erst das Wasser in der Küche auf. Diese ist geräumig und bestens ausgerüstet. Sogar eine Waschmaschine ist eingebaut. «Artisten schwitzen viel!», sagt Dave und lacht.

Das Ensemble des Zirkus Chnopf besteht jeweils aus bereits etablierten sowie jungen Artisten.

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Dave und das Kernteam stellen jedes Jahr ein neues Ensemble zusammen. «Wir machen dann jeweils ein Casting – so wie bei Germany’s next Superstar.» Dave amüsiert sich über den Vergleich. Das Ensemble des Zirkus Chnopf besteht jeweils aus bereits etablierten sowie jungen Artisten, Schauspielerinnen, Musikern oder Tänzerinnen.

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Dieses Jahr ist auch Max Gnant dabei. Ihn reizte die generationenübergreifende Arbeit: «Hier sind alle so engagiert.» Das liege vielleicht auch am Nachwuchs, der mit besonders viel Eifer dabei sei. «Genau das macht für mich Kunst aus.» Bereits zwei Monate vor der Premiere proben Max und das Ensemble acht Stunden am Tag. Die Mahlzeiten nehmen sie ebenfalls gemeinsam ein. «Es sind offenherzige und ‹gäbige› Menschen», meint Max. «Das ist nicht selbstverständlich.» Er übernimmt auf der 29. Tour des Zirkus Chnopf die Rolle des Maschinisten. «Er hält die eigentliche Geschichte zusammen», sagt Max und ergänzt: «In einem klassischen Zirkus wäre der Maschinist vermutlich der Clown mit der roten Nase.»

Weil Max sich nach der Schweiz sehnte, hat er sich beim Zirkus Chnopf beworben

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Max hat an der Scuola Teatro Dimitri und in Deutschland studiert. Danach hatte er mehrere Engagements im Ausland. Weil er sich nach der Schweiz sehnte, hat er sich beim Zirkus Chnopf beworben. «Ich hatte passives Heimweh», erklärt er. Die Mundart, der Schnee und die Berge fehlten ihm. «Das klingt ja ziemlich klischiert.»

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Max geniesst es, wieder in Zürich zu sein. Er trifft sich oft mit seiner Schwester und besucht seine Mutter, die in der Nähe von Rapperswil wohnt. «Und ich versuche, alte Freundschaften wachzuküssen.» Hat er einige Tage am Stück frei, besucht er seine Freundin, die in Deutschland lebt.

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Max wohnt bereits seit einigen Wochen auf dem Wagenplatz. «Im Winter war es umständlich», erzählt er. «Aber es hat schon seinen Charme.» Er verbringe viel mehr Zeit draussen als sonst und sei gezwungen, Ordnung zu halten. «Im Wagen wird es schnell chaotisch.» Im Moment besitze er zu viele Sachen. «Ich habe noch nicht entschieden, was ich alles auf die Tour mitnehmen werde.» Vielleicht schaffe er sich auch noch etwas an, zum Beispiel einen Teekessel. «Wasser speichert Wärme und ich könnte mir auf dem Ofen einen Tee machen», meint Max.

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Auch wenn das Leben im Wagen einfacher sei – mehr «down to earth», wie Max sagt –, lasse es sich keinesfalls mit Camping vergleichen. «Wir heizen ja mit Holz und haben sanitäre Anlagen.» Trotzdem fehle vieles, was in einer Stadtwohnung normal sei. «Wenn man so einfach lebt, merkt man, dass vieles eben doch nicht selbstverständlich ist.»

Adresse

Zirkusquartier
Flurstrasse 85
8047 Zürich
+ 44 301 02 01
Website

Infos

Vom 12. bis 16. Juni ist der Zirkus Chnopf in der Roten Fabrik zu Gast. Danach tourt er durch die Schweiz. Im September zeigt er dann sein Programm auf der Josefwiese und im Zirkusquartier. Mehr Infos findest du hier.