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Vom Strassenbauer zum preisgekrönten Chocolate Maker

Interview: Christian Schiller

Als die Schokoladenmanufaktur Taucherli vor der Pleite stand, ergriff Kay Keusen seine Chance. Ohne das Geringste über die Schokoladenproduktion zu wissen, investierte er sein ganzes Hab und Gut in die Firma. Ein Schritt, der sich gelohnt hat. Wir haben Kay zum Gespräch getroffen und kennen seither den Unterschied zwischen Chocolatiers und Chocolate Makers.

Du warst im Strassenbau tätig und hast dann eine Schoggifabrik gekauft. Ziemlich verrückt, nicht?

Ich hatte tatsächlich keine Ahnung von Schokolade. Ich träumte aber immer schon davon, etwas Eigenes im Food-Bereich aufzubauen. Also habe ich zugeschlagen und alles riskiert. Durch Zufall erfuhr ich vom Konzept der Bean-to-Bar-Schokolade und habe daraufhin meine eigene Linie kreiert und das Taucherli-Sortiment ausgebaut. Mit meinen Kreationen habe ich bereits verschiedene Preise gewonnen.

Was ist Bean-to-Bar genau?

Wie 95 Prozent der Schweizer*innen glaubte ich früher, dass jeder Chocolatier seine eigene Schokolade produziert. Das ist aber bei Weitem nicht so: Häufig wird Schokolade nämlich von grossen Unternehmen eingekauft und dann eingeschmolzen und allenfalls verfeinert. Das sind die Chocolatiers. Wir verstehen uns aber als Chocolate Makers. Das bedeutet, dass die Schokoladensorten von der Bohne bis zur verpackten Tafel aus einer Hand stammen. In der Szene heisst dieses Konzept Bean-to-Bar und bedeutet bei Taucherli konkret, dass die Kakaobohnen in Adliswil geknackt, geröstet, conchiert, gegrindert, gesiebt, temperiert, gegossen und schliesslich auch verpackt werden. Bean-to-Bar-Produkte sind ein sensorisches Erlebnis.

«Wie 95 Prozent der Schweizer*innen glaubte ich damals, dass jeder Chocolatier seine eigene Schokolade produziert.»

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Eine Tafel Taucherli-Schokolade kostet zwischen 7 und 10 Franken. Warum soll ich mir keine herkömmliche Schoggi für die Hälfte des Preises im Supermarkt holen?

Das ist einfach zu beantworten: weil wir spezielle, kreative Produkte machen. Es gibt tatsächlich Leute, die sich über die Preise beschweren. Doch ihnen wollen wir unsere Produkte auch gar nicht verkaufen. Wir wollen Kund*innen ansprechen, denen Qualität sowie eine nachhaltige, faire und lokale Produktion wichtig sind. Zudem kennen wir jeden Kakaobauer persönlich.

Hast du mit Taucherli eine Vision?

Mir ist klar, dass ich mit meinem Nischenprodukt nie reich werde. Darum geht es auch nicht. Bis vor einem Jahr war ich noch alleine in der Produktion. Erst seit einem halben Jahr hilft mir ein tibetischer Flüchtling und jemand unterstützt mich in der Administration. Schokolade ist für mich eine Passion. Ich will crazy Dinge versuchen und die Leute begeistern. Aus diesem Grund biete ich auch Schoggi-Kurse an. Meine Vision ist eine Schokoladenmanufaktur, wo die Türen immer offen sind und Familien und Schoggi-Fans zuschauen und degustieren können.

Anfang Jahr hast du eine Schokolade mit dem Namen «Menschenliebe» lanciert. Was steckte dahinter?

Als wir die Boykott-Aufrufe gegen den Chocolatier Läderach mitbekommen haben, wollten wir als Unternehmen ebenfalls ein Statement setzen. Innerhalb von nur fünf Tagen kreierten wir eine neue Schoggi mit einer Verpackung in Regenbogenfarben. Wir wollten die Leute ermutigen, frei und selbstbestimmt zu leben.

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