23.07.2020 – Kultur & Nachtleben | Nachtleben-Kolumne

Lockdown, Besucherbegrenzung, Maskenpflicht? Im Nachtleben dauert die Krise an

Die Hoffnung von Hunderten Betrieben und Tausenden Angestellten war Anfang Juni gross, als der Bundesrat wieder Veranstaltungen bis zu 300 Personen zuliess. Doch es war absehbar, dass diese Phase wohl grössere Herausforderungen mit sich bringen würde als der Lockdown selbst. Mittlerweile hat sich bestätigt: Covid-19 ist die grösste Krise des Zürcher Nachtlebens seit der Einführung der Bedürfnisklausel in den 50er-Jahren. Wie sich die Krise trotz offener Clubs zeigt, schildert unser Nachtleben-Kolumnist Alexander Bücheli.

Die Nachtleben-Szene ist sich ihrer gesundheitspolitischen Verantwortung bewusst. Seit Beginn der Covid-19-Krise setzt sie strikte Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie ein. Anfangs März wurden in Zürcher Clubs auf eigenes Bestreben hin erstmals die Kontaktdaten der Gäste erfasst. Der am Freitag, 13. März gefällte Entscheid des Bundes, nur noch Veranstaltungen bis 50 Personen zu gestatten, wurde nie bekämpft. «Stay at home» war das Motto der Stunde. Unzählige Streams vom Ozelot-Kollektiv, Club Dihei, Artonair oder Züri-Stream versüssten die Zeit zu Hause mit Musik von einheimischen Künstler*innen. Sogar auf Drinks der beliebtesten Bars der Stadt musste dank dem Lieferdienst von Mikks nicht verzichtet werden. Doch allen war klar, dass dies nur ein Substitut war für das, was wir lieben, und dass sich dadurch nie die gemeinsam erlebten Emotionen der Nacht ersetzen lassen.

Es war deshalb nicht verwunderlich, dass eine gewisse Euphorie herrschte, als der Bundesrat verkündete, ab dem 6. Juni 2020 wieder Veranstaltungen bis zu 300 Personen zuzulassen. Die Hoffnung war da, dass zumindest ein Teil der Nachtkulturunternehmen nach drei Monaten Lockdown wieder zu dringend benötigen Einnahmen kamen.

Die Schlagzeilen überschlugen sich.

Die ersten Veranstaltungen waren ausverkauft, das Bedürfnis nach sozialer Nähe und Musik gross. Doch die Freude währte nur kurz. Anfang Juli wurden die ersten Fälle von Covid-19 positiven Partygängern bekannt. Die Schlagzeilen überschlugen sich. Sofort schrieben die Medien von «Superspreader-Events». Selbst als Nicht-Mediziner sollte man sich hier die Frage stellen, ob maximal vier weitere Ansteckungen schon reichen, um eine Veranstaltung als Superspreader-Event zu bezeichnen? Der ganzen Polemik nicht förderlich war, dass die Erhebung der Kontaktdaten für das Contact Tracing alleine auf Vertrauen und nicht auf Kontrolle beruhte.

Die Empörung war gross, der Sündenbock für die Zunahme der Fälle schnell gefunden. Der öffentliche Druck führte dazu, dass der Kanton Zürich ab dem 3. Juli 2020 eine Überprüfung der Telefonnummer und der Kontaktdaten mittels ID-Kontrolle verfügte. Andere Kantone verordneten in der Angst vor einer zweiten Welle und vor der Überlastung des Contact Tracing noch restriktivere Massnahmen. Sie reduzierten die zulässige Gästezahl auf 30 bis 100 Personen (Zug, Luzern, Basel-Stadt, Basel-Land, Solothurn und Aargau).

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Klar, dass sich nun auch die Zürcher Nachtkulturunternehmen vor den nächsten Restriktionen fürchten. Schon die Beschränkung der Gästezahl auf 300 Personen bedeutet, dass viele Clubs noch gar nicht richtig öffnen konnten. Grundsätzlich wären vom Bund zwar Veranstaltungen bis 1000 Personen erlaubt, doch die verlangte Sektorentrennung à je 300 Personen lässt sich nur in den wenigsten Locations tatsächlich umsetzen. Es gäbe noch die Möglichkeit einer Maskenpflicht. Ob die Gäste bereit wären, Masken zu tragen, lässt sich so noch nicht beantworten. Die Erfahrung fehlt. Doch es gilt zu bedenken, dass – im Gegensatz zum öffentlichen Verkehr – die Gäste freiwillig eine Veranstaltung besuchen. Während auf die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr nur hingewiesen wird und im Bedarfsfall die Polizei hinzugezogen werden kann, sollen die Clubs für eine lückenlose Umsetzung der Maskenpflicht in den Betrieben verantwortlich sein und bei Nichteinhalten sogar haftbar gemacht werden. Das Durchsetzen der Maskenpflicht wäre also mit einem beträchtlichen Personalaufwand verbunden, was wiederum die Fixkosten in die Höhe treibt.

Nicht nur die Clubbetreiber haben Angst.

Egal ob mit Maskenpflicht oder mit nur 300 Personen: Unter diesen Bedingungen eine Veranstaltung durchzuführen, lohnt sich für die meisten Clubs und Konzerthallen in der Stadt Zürich schlicht und einfach nicht. Die Fixkosten sind in vielen Fällen höher als die Einnahmen. Die Berichterstattung und die Verschärfungen in anderen Kantonen haben nicht nur die Betreiber*innen verunsichert. Sie sind auch bei den Gästen spürbar. Eingetreten ist ein Zustand der Schwebe. Viele Besucher*innen bleiben weg. Doch eine freiwillige Schliessung steht für viele Betriebe aufgrund der finanziellen Lage gar nicht zur Debatte, denn die Reserven wurden schon in den letzten drei Monaten aufgebraucht. Zudem verliert man durch eine freiwillige Schliessung jeglichen Anspruch auf Unterstützung, da es diese nur im Härtefall gibt.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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Haben sich die Gäste wirklich in den Clubs angesteckt?

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Trotz der Diskussion und eines Tempos, das selbst die Nachtkulturunternehmen überraschte, ist wohl jetzt der richtige Moment, Veranstaltungen trotz Covid-19 durchzuführen. Die Neuansteckungen sind zwar im Juli gestiegen, scheinen aber immerhin stabil zu sein. Bis jetzt ist bekannt, dass schweizweit bei rund 10 der 1200 Veranstaltungen je eine Covid-19-positive Person anwesend war (1 % der Veranstaltungen). Da es sich bei den anderen positiv Getesteten um Personen aus dem jeweiligen Freundeskreis handelte, ist noch nicht abschliessend geklärt, ob diese Präsenz zu einer Ansteckung anderer Gäste geführt hat. Doch genau diese Frage gilt es zu beantworten, um herauszufinden, in welcher Grösse und Form Veranstaltungen in Zukunft trotz Covid-19 stattfinden sollen. Die Angst der Branche ist berechtigt, dass wenn man jetzt nicht veranstaltet, dies wohl so lange nicht mehr der Fall sein wird, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist.

Alle müssen hinter der Wiedereröffnung stehen.

Jetzt muss ein kühler Kopf bewahrt werden. Die verschiedenen Akteure müssen zusammenarbeiten, um die Situation zu verstehen und um Schnittstellen zu optimieren. Das Contact Tracing soll weiter ausgebaut werden. Ziel ist es, dass Veranstaltungen auch in Zukunft möglich sind. Unterstützung bräuchte es vom Bundesrat, und auch Politiker*innen und Wissenschaftler*innen müssen hinter dem Entscheid der Wiedereröffnung stehen und dürfen nicht mit dem Finger auf die Clubs zeigen, wenn es dort die ersten Covid-19-Fälle gibt. Ist es aus epidemiologischer Sicht nötig, Veranstaltungen wieder zu verbieten, dann soll man dies ganz und nicht schrittweise tun.

Egal ob es zu einem Lockdown für das Nachtleben kommt oder mit Einschränkungen weitergeht: Das Nachtleben braucht Support, will man einen kulturellen Kahlschlag in der Stadt Zürich verhindern. Und man sollte sich nicht wundern, wenn sich die Jugend diesen Sommer ihre Freiräume selber nimmt. Dementsprechende Konflikte sind schon vorprogrammiert.

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