22.04.2020

«Wir haben hier ein Wahnsinnsleben»

Fotos: Julia Cebreros

Auf ihrem Blog «Hoi Berlin» schrieb Claudia Jucker über Familiensachen, neue Entdeckungen und das Leben in der Grossstadt. Mehrere Jahre wohnte sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Berlin. Nun ist sie zurück in Zürich. Uns hat sie erzählt, wieso – und welche der zwei Städte sie lieber mag.

Zürich–Berlin retour. Zwei Städte, zwei Herzensangelegenheiten. Für welche schlägt dein Herz?

Wenn ich heute entscheiden müsste, Zürich oder Berlin, dann wäre es Zürich. Hier sind meine Wurzeln, meine Freundinnen, meine Familie und die Wertvorstellungen, die ich mir für meine Kinder wünsche. Berlin bleibt in meinem Herzen und ist auf jeden Fall die Stadt, in der ich ganz viel Zeit verbringen möchte, aber ohne den Berliner Alltag im Nacken. Es ist der Geburtsort meiner kleinen Tochter. Ein Ort gespickt mit persönlichen Geschichten, einschneidenden Erinnerungen, tiefen Freundschaften, Höhen und Tiefen, unendlicher Freiheit und Freude, Frust und Alleinsein, Neuentdeckungen, nie enden wollenden Strassenzügen, beissendem Wind, dunklen Tagen, stinkenden U-Bahn-Schächten, durchtanzten Nächten, leckerstem Essen aus der ganzen Welt und verrücktesten Begegnungen.

Ihr seid vor über drei Jahren also Kind und Katze auf in den Norden, hinein in den Prenzlauer Berg. Wie kam es dazu?

Mein Mann bekam ein Jobangebot. Wir hatten wenig Zeit zu überlegen, ob wir das machen sollen. Ich hatte gerade herausgefunden, dass ich mit unserem zweiten Kind schwanger war und es war in etwa nach dem Motto: jetzt oder nie. Berlin hatten wir eh schon lange im Auge. Es passte also prima. Wir haben dann sehr kurzfristig unsere Zelte abgebrochen und sind mir nichts, dir nichts mit all unserem Inventar, Katze, Maus und Mips im Bauch in den Winskiez mitten im wunderschönen Prenzlauerberg umgezogen.

«Es war in etwa nach dem Motto: jetzt oder nie.»

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War es klar, dass es nur ein Umzug auf Zeit war?

Nein. Wir sind gegangen und haben nicht gewusst, wie lange wir bleiben. Das war vor allem für manche Familienmitglieder hart. Es war für sie schwierig nachzuvollziehen, warum wir diese heile Welt hier verlassen, um nach Berlin zu ziehen. Das macht man vielleicht während des Studiums, aber doch nicht, wenn man bereits Kinder hat. Wir hingegen fanden das genau passend und stimmig. Ich hatte das Gefühl, Berlin sei die perfekte Stadt mit einem kleinen Kind und einem Baby.

Sie ist es nicht?

Ich bin ein wenig auf die Welt gekommen. Es wird einem vermittelt, dass Berlin total cool und easy ist – vor allem mit Kindern. Man sieht all die lässigen hippen Eltern, die cool ihren Kinderwagen durch den Kiez schieben und an jeder Ecke einen Latte trinken, aber das ist es eben nicht. Oder besser: nicht immer. Das hatte ich unterschätzt. Und das, obwohl ich Berlin mit Kind schon kannte. Denn ich bin mit Maus bereits einmal für vier Monate da gewesen – im Rahmen eines Atelierstipendiums.

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«Ich würde mich jetzt für Zürich entscheiden.»

Hast du je gezweifelt?

Nein. Lustigerweise nicht. Ich habe mehr der Situation als der Stadt die Schuld gegeben. Zumal Berlin ja auch viele unglaublich tolle Seiten hat.

Erzähl!

Im Sommer fühlt sich die Stadt an wie Urlaub. Die Tage sind lang, die Stimmung ausgelassen, überall fröhliche Leute, an jeder Ecke wird Eis gegessen oder Kinder malen mit Strassenkreiden auf den Gehsteig. Das Leben findet draussen statt und die Stadt holt alles nach, was sie in der dunklen Zeit verpasst hat. Was auch toll ist: dass ich ein Jahr in Elternzeit war. Ich konnte Mips ganz anders und bewusster geniessen und hatte so auch mehr Zeit mit beiden Kindern zusammen. Das ist ein grosser Luxus, den ich mir für die Schweiz auch wünschen würde. Auch mein Mann nahm zwei Monate Elternzeit, wie viele andere in seinem Büro auch.

Wie haben die Kinder Berlin erlebt?

Für Maus war es anfangs schwierig. Veränderungen liegen ihr nicht so. Das erste Jahr hat sie konsequent nur Schweizerdeutsch gesprochen. Nach einem Jahr, als sie sich sicher fühlte, hat sie dann von einem Tag auf den anderen ins Hochdeutsche geswitcht – und es war ein perfektes Hochdeutsch, wie ich es nie hinkriegen würde. Von dem Moment an, als sie sich wohlfühlte, war sie aber total glücklich. Und Mips geht es immer dort am besten, wo der Bär steppt. Hauptsache, sie ist in einem grossen Rudel unterwegs.

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Die Kinder waren dann so glücklich, dass der Umzug zurück schwierig wurde?

Genau. Maus sagt auch heute noch, dass sie zurück nach Berlin möchte, weil da ihre Freundinnen und ihre Lieblingsschule sind. Und auch Mips hing sehr stark an ihren Kita-Freunden.

Hast du ein schlechtes Gewissen deswegen?

Nein, denn ich bin überzeugt, dass sie längerfristig sehr davon profitieren können. Auch weil sie jetzt sehr verbunden sind mit Berlin. Wir gehen zudem sehr regelmässig hin und halten den Kontakt aufrecht.

«Als Mama tut mir das manchmal schon leid.»

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Wie war es zurück in Zürich?

Maus hat erst hier erfasst, dass sie in eine neue Klasse muss, mit neuen Kindern. Da hat sie mir auch extrem leidgetan und ich hätte nicht tauschen wollen. Sie ist eine treue Seele und schickt regelmässig Briefe nach Berlin. Das macht sie in Eigenregie. Sie kennt alle Adressen ihrer Freundinnen auswendig und weiss, dass sie die Briefe mit 1.50 frankieren muss. Leider kommt nicht so viel zurück, wie sie sich erhofft. Aber das kann man leider nicht steuern. Als Mama tut mir das manchmal schon leid. Sie gibt sich richtig Mühe und schreibt und zeichnet von Herzen. Vielleicht ist es auch ein Teil des Abschiednehmens.

Würdest du wieder auswandern?

Ich möchte es auf alle Fälle nicht missen. Es war für uns alle eine super Erfahrung. Auch von dem, was wir in die Schweiz mitnehmen, wie wir heute das Leben und die Schweiz (anders) wahrnehmen, wie wir die Sachen sehen. Wir sind viel dankbarer geworden und es ist uns viel bewusster, was wir hier für ein Wahnsinnsleben haben.

Siehst du Zürich nun mit anderen Augen?

Ja. Ich geniesse es sehr. Ich habe so viele neue Dinge gesehen und entdeckt. Ich bin wie ein kleines Kind. Zürich hat sich sehr gewandelt, finde ich. Es hat so viel zu bieten. Ich habe lange gedacht: Berlin ist mega cool, das ist DIE Stadt. Jetzt, wo ich wieder hier bin, merke ich, wie toll Zürich eigentlich ist. Und schätze meine Stadt wieder ganz neu.

Kooperation

Dieses Interview erschien ursprünglich auf Tadah. Das Online-Magazin für Eltern schreibt nicht nur über Vereinbarkeit, sondern lebt sie auch: Tadah betreibt in Zürich auch ein Co-Working-Space mit Kinderbetreuung.