28.02.2018

«Leaning Into The Wind»: Kinokunst, die glücklich macht

Text: Reto Baer

Der Dokumentarfilm «Leaning Into The Wind – Andy Goldsworthy» ist nicht nur genial gut, er macht sogar glücklich. Denn die Kunst-Aktionen des britischen Künstlers wirken ebenso verspielt wie befreiend. Diesen Film muss man sehen, findet unser Filmkritiker Reto Baer.


Was Kindergärtner im Wald mit Tannzapfen, Kieselsteinen und Blättern anstellen, ist Andy Goldsworthys Beruf. Na ja, das ist vielleicht etwas gar salopp ausgedrückt. Aber es ist nun mal so, dass der Brite Künstler ist und sogenannte Land Art macht. Diese Kunstströmung kam Ende der Sechzigerjahre auf und bezeichnet Werke, die in und aus der Natur entstehen. Manche können Jahrhunderte überdauern, andere verschwinden schon nach Minuten wieder. Zum Beispiel die schwebende Spirale aus Eiszapfen, die Andy Goldsworthy mit klammen Fingern im ersten Film «Rivers and Tides» vor 17 Jahren schuf. Die ist natürlich längst geschmolzen. Doch es sind gerade diese flüchtigen und zerbrechlichen Arbeiten, die auch im zweiten Film den Zauber ausmachen.

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Der Deutsche Thomas Riedelsheimer, der wiederum für Regie, Kamera und Montage verantwortlich ist, nennt seinen neuen Dokumentarfilm «Leaning Into The Wind – Andy Goldsworthy». Dazu inspirierte ihn eine Szene, in der Goldsworthy versucht, sich gegen den Sturmwind zu stemmen. Dabei geht es darum, sich schräg gegen den Wind zu legen, ohne umzufallen. Diesen unsichtbaren Gleichgewichtspunkt sucht der Ausnahmekünstler praktisch in all seinen Werken, ganz egal ob er mit schwerem Stein oder mit zartem Pollenstaub arbeitet.

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Andy Goldsworthy (links) und Dokumentarfilmer Thomas Riedelsheimer.

«Es ist schwer, genau auszudrücken, was ich sagen will», erklärt Goldsworthy im Film. «Ich denke, als ich jünger war, habe ich einfach so gearbeitet, mit der Natur, ich habe diese Skulpturen gemacht. Jetzt denke ich: Die Natur ist überall, man muss das gar nicht erwähnen. Wenn ich in der Stadt arbeite, arbeite ich mit der Natur. Wenn ich mit mir selbst arbeite, arbeite ich mit der Natur. Es ist nicht mehr so klar. Im Grunde will ich immer noch einfach nur die Welt verstehen.»

«Die Natur ist überall, man muss das gar nicht erwähnen.»

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Das Überraschende: ihm dabei zuzusehen, macht glücklich. Das liegt zum einen sicher an den wunderschönen, teils poetischen Filmbildern und an Fred Friths genialer Musik, zum andern eben an Goldsworthy selbst. Wenn sich der 61-Jährige mühsam längs durch eine Hecke kämpft, statt einfach den Gehsteig daneben zu benutzen, dann hat diese Verrücktheit etwas Befreiendes. Sie wirkt wie ein Aufruf, den gewohnten Alltagstrott zu verlassen und direkt vor der eigenen Haustür Abenteuer zu erleben.

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Filmen, was Andy Goldsworthy mit gelben Blättern anstellt, bevor der Wind alles wegbläst.

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Warum neben der Hecke gehen, wenn man an ihr auch entlangklettern kann?

Wenn Sie also demnächst auf der Treppe, die vom ShopVille zur Bahnhofstrasse hinaufführt, eine grüne Blätterspur entdecken, dann wissen Sie: Da hat jemand «Leaning Into The Wind» gesehen. Dasselbe gilt für jene Leute, die sich bei einsetzendem Regen auf den Sechseläutenplatz legen. Nach ein paar Minuten stehen sie auf und sehen verzückt zu, wie die trockenen Stellen mit ihren Silhouetten langsam nass werden und verschwinden. Lassen Sie sich also nicht irritieren, sondern kaufen Sie sich mit einem Kinobillett ebenfalls 93 Minuten Glück.

Reto Baers Bewertung

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«Leaning Into the Wind – Andy Goldsworthy» läuft in folgenden Zürcher Kinos:

Arthouse Le Paris
Arthouse Movie

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