Endstation | Stadt & Geschichte

Endstation Friedhof Eichbühl

Text & Fotos: Ueli Abt

An der Endstation Friedhof Eichbühl können Besucher:innen die Zwinglistadt von einer unerwarteten Seite entdecken. Die zeitlos-eleganten Gebäude im grosszügigen Park stammen von einem Architektenduo, das auch anderswo Zürich prägte.

Schattig und grün ist es an der Endstation Friedhof Eichbühl. Lediglich ein dezentes Surren begleitet die Busse, die hier wenden. Auf dem Weg zu «Netto-Null 2030» fahren immer mehr VBZ-Fahrzeuge mit Strom statt Diesel, so auch auf der Linie 35. Das ist gut fürs Weltklima und die Luft im Quartier.

Apropos grün. Eine naturnähere Wendeschlaufe als jene beim Friedhof Eichbühl dürfte auf dem gesamten Stadtgebiet schwer zu finden sein. Da ist zum einen der wunderbare alte Baumbestand. Dicke Stämme ragen auf dem kleinen Wiesenstück hoch. Der Haltestellenname trügt nicht – es sind tatsächlich Eichen. Und es liegen einige knorrige Wurzelstücke da. Auch Totholz hilft der Natur, denn es bedeutet Nahrung und Lebensraum für viele kleine Lebewesen. Auch das Leben eines Baumes kommt eben einmal an sein Ende. Womit wir nun beim Thema wären.

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Was gibt es Rätselhafteres als das Leben, wenn man gewissermassen herauszoomt, dabei Anfang und Ende ins Blickfeld rücken und sich die Frage stellt, was vorher und nachher ist.

Gibt es die Zeit noch, wenn eine menschliche Existenz endet? Oder verschwindet das Konstrukt mit dem Hirntod? In 250 Millionen Jahren dürfte es auf der Erde zu heiss sein für Säugetiere, war zuvor auf einem News-Bildschirm im Bus zu lesen. Das heisst wohl: Das Weltall wird es dann noch geben, auch ohne uns. Aber trotzdem, es ist kompliziert mit der Unendlichkeit.

Zum Glück gibt es hier auf der Erde Räume, die sich verstandesmässig problemlos fassen lassen. So viel gleich vorneweg: Den Friedhof Eichbühl gibt es seit 1968 und er ist ein grandioser Park, den man so nicht erwartet hätte in der Zwinglistadt.

Etwas eigenartig sind Friedhöfe ja schon.

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Schon ausserhalb des Geländes treffen Besucher:innen auf die Architektur der damaligen Zeit: Es ist dies zunächst eine Mauer aus scheinbar lose und lückenhaft zusammengefügten Steinquadern, die rechtwinklig zum Friedhofseingang in Richtung Bushaltestelle verläuft. Die grössten Zwischenräume sind zugleich Durchgänge. Schon Steinzeitmenschen schichteten Steinquader übereinander. Zum Beispiel zu sogenannten Dolmen, Steintischen. So sahen damals Gräber aus.

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Wie man nun die Steinblöckewand hindurchgeht und durchs Tor den Friedhof betritt, lässt das an einen japanischen Animationsfilm denken, der in einem zunächst verlassen scheinenden Wunderland jenseits eines Tunnels spielt und wo die Wolken über den sonst blauen Himmel ziehen.

Linker Hand, gleich beim Eingang, erblicken Besucher:innen zunächst das «Friedhofbüro». Hier sitzt tatsächlich ein Mensch hinter einem Bildschirm, was für sich genommen schon mal beruhigend normal wirkt.

Etwas eigenartig sind Friedhöfe ja schon. Dies liegt wohl daran, dass das eigentliche Thema, der Tod, natürlich nicht direkt sichtbar wird, sondern nur immer Zeichen davon: Menschen in schwarzen Kleidern, Bezeichnungen auf Wegschildern wie «Abdankungskapelle» oder «Urnen-Nischen». Wie ein Flughafen ohne Passagiere, ein Zoo ohne Tiere. Oder ein surreales Gemälde, in welchem der Spiegel den Kopf der Person von hinten zeigt.

Wie ein Flughafen ohne Passagiere, ein Zoo ohne Tiere.

Vom Eingang links geht es hoch auf eine Anhöhe. Eichen auch hier, entlang der Strasse. Oben auf einem Plateau befindet sich die Abdankungskapelle. Abdankung, da schwingt das Wort Abschied mit, vielleicht gar Abreise – in eine andere Dimension.

Elegant wirkt die Kapelle, ein Bau, der mit der Betonung der Diagonalen in die Höhe weist. Damit wird nach den Anklängen an die Archaik eine andere Qualität der Friedhofs-Architektur sichtbar: deren zeitlose Eleganz.

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Verantwortlich für die Bauten war das Architektenpaar Hans und Annemarie Hubacher, die in Zürich und in der Schweiz prägnante Bauten schufen. So etwa das vormalige Hotel Atlantis, das heute «Five» heisst. Oder die Kuppel-Gewächshäuser des botanischen Gartens. Die Friedhofs-Gartenanlage gestaltete der Landschaftsarchitekt Fred Eicher, der mehrmals mit den Hubachers zusammenarbeitete.

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Von der Anhöhe aus geht der Blick zwischen Bäumen hindurch hin zur Zürcher Skyline. Dazwischen liegt eine freie, grosszügig angelegte Grasfläche. Der Friedhof erinnert von hier aus an einen Londoner Stadtpark. Britisch wirkt auch die Baumallee, die nun zu einem weiteren Gebäude im Friedhof führt, der auf Plänen schlicht «Unterstand» heisst. Auch dieser lässt kurz an ein Dolmen-Grab denken mit seiner tischartigen Form.

Rund, wie sie ist, wird sie eines Tages herunterrollen.

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Am Dachrand, ganz an der Kante, sitzt eine goldene Kugel. Besuchende, die diese Installation eine Weile auf sich wirken lassen, dürften ins Sinnieren kommen. Keine Frage, die metallische Kugel ist schwer und sitzt stabil an ihrem Ort. Doch man ahnt schon: Rund, wie sie ist, wird sie eines Tages herunterrollen. Was will man da noch sagen? Vielleicht: C’est la vie.

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Adresse

Friedhof Eichbühl
Friedhofstrasse 94
8048 Zürich

Infos

Der 35er-Bus verkehrt ganztägig zwischen Friedhof Eichbühl und Bahnhof Altstetten. Für diese Strecke benötigt der Bus ungefähr 15 Minuten. Zum Fahrplan gehts hier.