Text & Fotos: Ueli Abt

Zürcher:innen mit ungewöhnlichen Berufen: Lukas Meier braucht rund 50 Stunden und rund 80 Liter Kleister, um den Böögg fürs Zürcher Sechseläuten zu bauen. Diesmal wird es kürzer dauern bis zur Explosion als letztes Jahr, schätzt Zürichs einziger Böögg-Bauer.

Wer das Glück hat, jeweils im Frühling den Böögg fürs Zürcher Sechseläuten bauen zu dürfen, macht den Job jahrelang. Seit 2016 hat Lukas Meier dieses Amt inne. «Mein Vorgänger Heinz Wahrenberger hat es 50 Jahre lange gemacht, das werde ich wohl nicht schaffen», sagt Meier und lacht. Er schätzt, dass es in den letzten 140 Jahren infolge der ausgesprochenen Amtstreue nicht mehr als vier oder fünf Böögg-Bauer gab.

Gefüllt wird die Figur zunächst mit Holzwolle, ein Jutestoff hält diese zusammen. Darauf klebt Meier mit Kleister mehrere Lagen Papier, um Stabilität zu geben.

Am 15. April feiern dieses Jahr die Zürcher Zünfte das Sechseläuten. Im Umzug werden sie durch die Innenstadt zum Sechseläutenplatz am Bellevue ziehen und sich in einer Art VIP-Bereich rund um den Scheiterhaufen versammeln, wo das Ende des Winters, symbolisiert durch das Verbrennen der weissen Böögg-Figur, besiegelt wird. Im Lauf der Zeit hat es sich beim Publikum eingebürgert, die Dauer bis zum Explodieren der Figur als Saison-Wettervorhersage zu betrachten: Sind es nur wenige Minuten, bis der Böögg krachend in Flammen aufgeht, soll der Sommer gut werden. 2023 dauerte es mit stattlichen 57 Minuten ungewöhnlich lange. Meier schätzt, dass es diesmal rascher gehen wird. Sein Tipp für 2024: 18 Minuten 22 Sekunden.

50

Arbeitsstunden braucht Meier insgesamt.

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Diesen Frühling baut Meier seinen achten Böögg. Zuvor hat er dessen Herstellung während sieben Jahren bei seinem Vorgänger gelernt – somit ist er selbst bereits insgesamt 15 Jahre direkt involviert.

Für den Bau verwendet er Holz, das ergibt ein stabiles Skelett. Gefüllt wird die Figur zunächst mit Holzwolle, ein Jutestoff hält diese zusammen. Darauf klebt Meier mit Kleister mehrere Lagen Papier, um Stabilität zu geben. Stattliche 80 Liter Kleister benötigt er dafür. «Bis der Kleister getrocknet ist, dauert es ein paar Tage. Ich arbeite jeweils in Etappen», sagt Meier. So erstreckt sich die Arbeit jeweils über zwei Monate. Meier braucht insgesamt rund 50 Arbeitsstunden.

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Als «Finish» erhält der Böögg als äussere Oberfläche eine Schicht aus Watte. Seine explosive Füllung bekommt der Böögg erst ganz am Schluss. Meier schneidet dazu die Hülle auf und füllt den Körper – nicht aber den Kopf – mit den Feuerwerkskrachern.

Als grösste Herausforderung bezeichnet Meier das Bauen des mit Holzwolle gefüllten Bauchs: «Er muss eine gewisse Stattlichkeit haben, aber weder zu dick noch zu dünn sein», sagt Meier in seinem Atelier irgendwo in Zürich Nord.

Wo genau sich Meiers Atelier befindet und wo der Böögg vor dem Anlass aufbewahrt wird, hängen Meier und die Verantwortlichen vom Sechseläuten-OK nicht an die grosse Glocke. 2006 stahlen nämlich Unbekannte den Böögg aus der Werkstatt des damaligen Erbauers. Schliesslich kam der Böögg im Keller des Kanzleischulhauses beim Helvetiaplatz zum Vorschein. Das werde kaum mehr geschehen, sagt Meier. «Es war eine andere Zeit. Der Böögg ist an einem sicheren Ort.»

Im Verlauf der Jahrzehnte ging auch sonst hin und wieder etwas schief: Dreimal in der Geschichte des Sechseläutens kippte die Stange mit dem Böögg während des Anlasses um. Auch dies sei heute nicht mehr möglich, sagt Meier: «Seit der Platz gepflästert ist, kann der Böögg sehr stabil fixiert werden. Im Platzbelag gibt es eine Aussparung, um die Mittelstange tief im Untergrund zu verankern.»

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Obschon ihn sein Vorgänger über Jahre anleitete und er dabei viele Tipps und Tricks zum Bau der Böögg-Figur mitnahm: Meier ist auch selbst vom Fach. Er hat Dekorationsgestalter gelernt und arbeitet hauptberuflich als Polydesigner 3D, wie der Beruf heute heisst. «Ich arbeite sehr kreativ in einer Agentur, die dreidimensionale Inszenierungen entwirft», erzählt er.

Der 52-Jährige gehört selbst der Zunft Schwamendingen an, am Sechseläuten nimmt er buchstäblich seit Kindsbeinen teil. «Seit ich vier Jahre alt bin, laufe ich am Umzug mit», sagt Meier. «Mein Vater war in einer Zunft, man wächst hinein.»

Zunächst wird man Geselle, später nimmt die Zunft einen auf. Dazuzugehören sei eine schöne Sache. Man pflege viele Kontakte und Freundschaften, dies auch über Zunftgrenzen hinweg.

Bis heute geht es also ums Vernetzen, und mit dem Sechseläuten zelebriere man aber auch ein Stück Stadtgeschichte: Im Mittelalter hatten die Zünftler in der Limmatstadt das Sagen und waren in einem Rat organisiert.

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Konkret geht das Sechseläuten auf einen Beschluss dieses Rats im 16. Jahrhundert zurück: Damals entschieden die Zünftler, dass im Sommerhalbjahr der Feierabend eine Stunde später, um sechs Uhr, eingeläutet werden soll. Das erste Feierabendläuten im Frühling begingen sie mit einem Fest.

Der Böögg kam ins Spiel, weil sich diese Tradition offenbar später mit einem anderen Brauch vermischte: Im 19. Jahrhundert zogen Knaben im Kratzquartier zwischen Fraumünster und Bürkliplatz mit Puppen auf Wagen johlend durch die Strassen und verbrannten diese Figuren dabei.

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Bis heute gibt es eine Reihe von Traditionen, die den Angehörigen der Zünfte vorbehalten bleiben. Umzüge und die Verbrennung des Bööggs auf dem Sechseläutenplatz – bis 1948 hiess er noch Tonhalleplatz – sind nur der für die Öffentlichkeit sichtbare Teil des gesamten Anlasses.

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«Ich richte den Böögg auf das Zifferblatt der Kirche St. Peter. Dorthin schaut er, wenn sein letztes Stündchen schlägt.»

Am Sechseläuten-Montag, morgens um sechs Uhr, wird laut Meier ein Lastwagen die Böögg-Figur zum Sechseläutenplatz bringen. Zuerst wird der Körper auf die Holzkonstruktion gehievt. Dann setzt der Böögg-Bauer der Figur den Kopf auf. «Das ist ein schönes Ritual», sagt Meier. «Ich richte den Böögg auf das Zifferblatt der Kirche St. Peter. Dorthin schaut er, wenn sein letztes Stündchen schlägt.»

Anschliessend bauen die Helfer von Grün Stadt Zürich während des Tags den grossen Scheiterhaufen auf, ehe die Böögg-Verbrennung um 18 Uhr losgehen kann.

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Und dann, wenn sein Werk, das er über Wochen schuf, innert Minuten in Flammen aufgeht, spürt er da auch ein bisschen Wehmut? Weit gefehlt. «Die vielen freudigen Gesichter sind mein Lohn», sagt Meier und lacht.

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