Cervo Volante

Conny Thiel Egenter und Kadri Vunder-Fontana produzieren aus Hirschabfällen langlebige Bio-Lederschuhe.

Text: Rahel Bains Fotos: Raisa Durandi

In der Schweiz werden jedes Jahr rund 12'000 Hirsche erlegt, von denen meistens nur das Fleisch konsumiert wird. «Verrückt» findet das Kadri Vunder-Fontana. Die Chemikerin hat das Schuhlabel Cervo Volante mitbegründet, das die Häute dieser erlegten Wildtiere verwertet. Die erste Kollektion gibt es jetzt im eigenen Ladenlokal im Neumarkt zu kaufen.

Bereits als Kind lebte Kadri Vunder-Fontana nachhaltig. Damals noch gezwungenermassen: «Ich bin in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Wir mussten sogar für unser WC-Papier Schlange stehen.» Als Erwachsene hatte sie erst einmal grossen Nachholbedarf: Die Chemikerin kaufte sich ständig neue Kleider. Eines Tages gelangte sie jedoch zu der Erkenntnis, von allem viel zu viel zu besitzen: So viele Hosen, Jupes und Shirts hingen in ihrem Schrank, die sie gar nicht wirklich brauchte.

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«Vor allem seit der Geburt meiner zwei Kinder ist mir nochmals viel bewusster geworden, wie wir unserer Welt mit unserem Konsumverhalten immer mehr zusetzen», so die 41-Jährige. Sie isst deshalb zum Beispiel nur noch Jagdfleisch – Gämse, Elche, Hirsche – und das quasi von Kopf bis Fuss: «Ich bin mittlerweile richtig gut im Zubereiten von Innereien oder einer guten Knochenbrühe.» Und sie hat das nachhaltige Schuhlabel Cervo Volante mitbegründet, was auf Italienisch so viel wie «fliegender Hirsch» respektive Hirschkäfer bedeutet.

«Mir ist nochmals viel bewusster geworden, wie wir unserer Welt mit unserem Konsumverhalten immer mehr zusetzen.»

Kadri Vunder-Fontana

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Die zwei Gründerinnen: Conny Thiel Egenter (links) und Kadri Vunder Fontana (rechts)

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Auf die Idee, aus Jagdabfällen Kleidungsstücke und Schuhe anzufertigen, kam Kadri vor zwei Jahren mit ihrer Freundin, der Jägerin und Biologin Conny Thiel-Egenter. Bei einem ihrer wöchentlichen Treffen in einer Zürcher Kletterhalle beschlossen die zwei Frauen, langlebige Kleidungsstücke herzustellen, die man mit guten Gewissen tragen kann.

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Während der Jagdsaison kauften Kadri und Conny dafür von Jägern und Metzgern insgesamt 1400 rohe Hirschhäute ein. Häute, die oft auch Spuren des wilden Lebens wie Narben, Hautfalten oder kleine Verletzungen von Kämpfen aufweisen. «Das ist Natur, das ist schön, und das wollen wir zeigen», so Kadri. Um die Salzbelastung von Gewässern und Böden zu reduzieren, liessen sie die Häute nicht wie sonst üblich einsalzen, sondern froren sie ein.

Während der Jagdsaison kauften sie von Jägern und Metzgern insgesamt 1400 rohe Hirschhäute.

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Ohne grosse Überredungskünste konnten Kadri und Conny den italienischen Schuhmaestro Silvano Sassetti für ihr Projekt gewinnen. Bevor die wertvollen Lederhäute auf seinem Zuschneidetisch landeten, wurden sie ohne den Einsatz von giftigem Chrom gegerbt. «An Ledermessen haben wir festgestellt, dass 99 Prozent der Leder mit giftigen Chemikalien gegerbt wurden», erzählt Kadri. Der Grund: Die ökologische Verarbeitung des Leders ist viel aufwendiger und dauert länger. Auch die Farbpalette ist beim natürlichen Gerben limitiert. So ist es zum Beispiel nicht möglich, ein sattes Schwarz hinzukriegen. Doch dies kann sich bald ändern, denn eine pflanzenbasierte Schwarzfärbung befindet sich derzeit in der Testphase.

Die ökologische Verarbeitung des Leders ist viel aufwendiger und dauert länger.

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Conny und Kadri mit ihrem Team

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Cervo Volante ist auch eine Art Labor, das neue und ökologische Produkte entwickelt. Kadri und ihr Team testen, probieren aus, scheitern und erreichen schlussendlich doch das gewünschte Resultat – mit stetigem Einsatz. Kadri erzählt, wie ihre damals schwangere Geschäftspartnerin Conny mit dem Gabelstapler gefrorene Tierhäute in eine Lagerhalle verfrachtet hatte und welche Bewährungsproben der erste Schuhprototyp durchlaufen musste – von einer Dusche mit Benzin bis zur Wanderung durch Matsch und Schnee.

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Mittlerweile zählen zum Cervo-Volante-Team neben den zwei Gründerinnen die Designerin Piret Puppart, Margit Vunder, verantwortlich für die Business-Planung, und Creative Director Marc Fischer. Gemeinsam wollen sie den Anteil von Schweizer Jagdhäuten, die in den Kadaverstellen verbrannt werden, bis 2025 um 25 Produzent reduzieren. Die Schuhkollektion, die seit Anfang Mai im neuen Ladenlokal im Neumarkt verkauft wird, ist deshalb erst der Anfang. Das Team tüftelt an Brandsohlen aus Lederresten, einer Schuhfüllung aus rezyklierten Korkzapfen und Knöpfen aus Hirschhufen.

Sie wollen den Anteil von Schweizer Jagdhäuten, die verbrannt werden, bis 2025 um 25 Produzent reduzieren.

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Kadri hofft, dass die Konsumenten wieder mehr auf langlebige Dinge setzen. Ihr und ihrem Team geht es nicht primär darum, «zur Natur zurückzukehren». Vielmehr soll man nicht nur Verbote, sondern eine realistische Lösung anbieten: «Und zwar eine Lösung, die uns alle gut schlafen lässt.»

Adresse

Cervo Volante
Neumarkt 24
8001 Zürich
+41 79 744 77 60
Website

Öffnungszeiten

Montag bis Mittwoch und Freitag, 12–18.30 Uhr
Donnerstag, 12–20 Uhr
Samstag, 10–16 Uhr