20.10.2021 – Kultur & Nachtleben | Züri-Song

Die schöne Mär vom Minztee

Text: Adrian Schräder Fotos: Florian Kalotay

Mit «Sihltal» hat Sacha Winkler alias Kalabrese vor einigen Jahren eine discoide Anleitung zum Glücklichsein geschrieben. Befolgt hat er sie selbst nur teilweise.

Was tun, wenn einen die Stadt zu erdrücken droht? Was tun, wenn das Herz schwer, die Gedanken düster und der Gang träge wird? Ganz einfach: Ab aufs Velo und raus ins Sihltal.

Ich bruuche nöd vill meh als mis Velo,
es paar vo mine alte Turnschueh,
en warme Pulli, und die gälli Pellerine.

Chum morn am Morge id Sportbar,
dänn trinkemer no en feine Cappuccino,
schwinget eus uf eusi Velos und fahret schnell is Sihltal,
hebet d’Füess in Fluss und schlürfet Münzetee

2012 veröffentlichte der Zürcher Produzent und DJ Sacha Winkler alias Kalabrese mit dem gleichnamigen Stück eine sehr konkrete Anleitung zum Glücklichsein. Gleichzeitig aktive Tanzaufforderung und Kontemplation, gleichzeitig melancholisch und leicht euphorisch schunkelte uns der Mitbesitzer des weltbekannten Klubs Zukunft und Dirigent des Rumpelorchesters Richtung Peace of Mind und Zweisamkeit.

Ich bruche nöd vill meh als es Velo. Diini Zit und diini Lust. Cha au alleige am Fluss umehocke. Aber mit dir isch es tuusigmal schöner.

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Sacha, wie ist «Sihltal» entstanden?

Aus einem Gefühl heraus. Aus einer Sehnsucht nach weniger Hektik in einer hektischen Zeit. So um 2011/2012, als der Track entstand, war ich noch viel stärker eingespannt ins Nachtleben als heute. Ich habe viel mehr aufgelegt, war ohne Pause unterwegs, fühlte mich wie auf der Überholspur. Ein langes Wochenende folgte dem nächsten.

Gab es einen konkreten Moment, der dich inspiriert hat?

Ja, den gab es: Damals fanden in der Alten Börse noch die Cityfox Partys statt. Nach einer dieser Partys fuhren wir zu einer Freundin von mir nach Leimbach. Sie organisierte dort vor ihrem Lagerraum eine kleine Dayparty. Wir legten uns in die Sihl und verbrachten einen extrem entspannten Sonntag. Dabei kam mir wieder in den Sinn, dass ich als Kind mit meiner Mutter oft an der Sihl gewesen bin. Wandern auf dem Hirzel und dann irgendwo am Fluss bräteln. Ganz unspektakulär. Ich fragte mich, wieso ich das nicht öfters mache. Ja, und das hat mich zu «Sihltal» geführt. Obwohl wir an jenem Sonntag noch in Zürich waren. In Leimbach.

Und den Bezug zur Zweisamkeit?

Ja, den gibt es natürlich auch. Ich war damals sehr begeistert von einer Frau. Und ich habe das dann alles zusammengepackt.

Zu einer Art Anleitung zum Glücklichsein.

Der Song beschreibt eine Sehnsucht: kurz haltmachen, ausbrechen, runterfahren. Damit können sich viele identifizieren. Ich glaube, das macht auch den Erfolg des Songs aus.

«Die Frau kam an die Videopremiere und war den Tränen nahe. Aber irgendwie sollte es nicht sein.»

Du formulierst einen ganz konkreten Plan: Turnschuhe, warmer Pulli, Pellerine, Minztee, Velo, Sihltal. Und wenn man diesen Plan befolgt, dann stehen die Chancen sehr gut, dass man sich wirklich ein Stückchen besser fühlt.

Ja, es ist tatsächlich alles recht konkret in dem Song. Das mit der Frau blieb leider unkonkret. Das wusste ich aber eigentlich schon, als ich den Song schrieb. Ich dachte mir dann: Tja, dann erst recht.

Gab’s da irgendeine Reaktion?

Ja, sie kam an die Videopremiere in der Bar 3000 und war den Tränen nahe. Aber irgendwie sollte es nicht sein. Immerhin ist ein Song draus geworden.

Mit der Liebe hat es für dich in diesem konkreten Fall nicht geklappt. Dafür mit der Entschleunigung?

Geholfen hat mir der Song ganz klar. Schon im Studio. Wenn man aus seiner Gefühlswelt und seinen Sehnsüchten etwas Kreatives erschaffen und das dann irgendwie in ein fertiges Werk überführen kann, dann erfüllt einen das. Daraus schöpft man Kraft.

Und die Entschleunigung?

Ich glaube schon, dass ich immer wieder versuche, aus dem Trubel und der Hektik der Stadt herauszukommen. Das hat mein Bewusstsein schon geschärft. Vor Kurzem habe ich mein drittes Album «Let Love Rumpel Vol. 1» veröffentlicht. Das waren intensive Wochen und Monate. Um mal runterzufahren, haben wir uns mit Freunden ein Haus auf Ibiza gemietet. Aber sonst gibt es wenig konsequente Handlungen von mir in diese Richtung. Mir reichen zwei Stunden auf dem Uetliberg. Oder mit meiner Freundin joggen gehen.

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«Sihltal» ist hochbeliebt. Spielst du das Stück jedes Mal?

Nein, nein. Wir haben es zwischendurch jahrelang nicht mehr gespielt. Irgendwie war es mir etwas entglitten. Jetzt haben wir es wieder ausgegraben. Weil ich eh finde, dass in dieser Pandemie vieles auseinandergegangen ist. Viele alte Bekanntschaften konnte man nicht mehr pflegen. Es gibt viel nachzuholen – und «Sihltal» ermutigt möglicherweise dazu.

Wieso hast du dich für einen Discobeat entschieden?

Ich wollte die Sehnsucht und Melancholie in einen leichten Kontext stellen. Das Lüpfige sollte mit dabei sein. Das ist für mich die Kunst: ein Thema, das eine gewisse Tiefe hat und eine Verletzlichkeit in sich trägt, auf eine leichte Art vermitteln. So wie das in der afrikanischen Musik oft passiert. Bei «Sihltal» scheint mir das ganz gut gelungen zu sein.

Welche Erinnerungen hast du an den Videodreh?

Das war ein schönes Gemeinschaftswerk von Dominik Locher, Verena Weiss und ihrem Mann Kaspar und der Filmcrew. Verena meinte: Komm, wir machen eine Choreo – nur mit Jungs, die unbeholfen herumtanzen. Und so haben wir das gemacht, eines Sonntags auf der Allmend. Tinguely, der auch im Video vorkommt, wohnte damals noch in der Calvados Bar. Wir mussten ihn für den Dreh aus dem Bett prügeln. Insgesamt kann man sagen: Das war ein schwieriger Lebensabschnitt für uns alle. Auch ich war damals noch eine ganze Spur verzwurbelter.

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«Ich will mit meiner Musik eine Brücke bauen zwischen den verschiedensten Kreisen.»

Zuletzt warst du sehr produktiv: Dein drittes Album ist eben erschienen. Wie geht es weiter für Kalabrese?

Beim Mixen von «Let Love Rumpel» bei Reto Muggli im Powerplay Studio haben wir gemerkt: Wir haben gut 17 wertige Songs. Das wäre ein sehr langes Album geworden. Deswegen habe ich mich entschieden, einen Teil noch zurückzuhalten. Anfang 2022 soll der zweite Teil von «Let Love Rumpel» erscheinen. Bis dann will ich noch ein paar neue Songs aufnehmen.

Welches ist eigentlich dein persönlicher Züri-Hit?

Möglicherweise ist es «Les Filles Du Limmatquai» von Eicher. Ich habe meine Jugend im Seefeld verbracht. Als Teenie ist man dann am Samstag das Niederdorf hoch- und runtergepilgert. Und die Filles, von denen Eicher da singt, die traf man damals noch am Limmatquai an. Ausserdem habe ich «Züri by Linez» abgefeiert. Das Tape lief eine Weile bei uns in der Bar 3000 rauf und runter. Es tat genau das, was ich mit meiner Musik auch versuche: eine Brücke bauen zwischen den verschiedensten Kreisen und Charakteren.

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Noch mal kurz zurück zu «Sihltal»: Es ist ein Song von einem Zürcher und irgendwie auch über Zürich, aber der einzige Ort auf Stadtgebiet, der im Song erwähnt wird, ist die Sportbar.

Ja. Das beruht auch auf wahren Begebenheiten. Ich war früher Stammgast dort und habe mich dort mit einem feinen Cappuccino nach den harten Wochenenden wieder aufgebaut. Das Velo hatte ich auch oft dabei.

Nur direkt ins Sihltal mit dem warmen Pulli und der gelben Pellerine bist du nie gefahren.

Es ist halt wirklich ein Tagtraum geblieben. Das muss aber nicht auf ewig so bleiben. Vielleicht packt’s mich tatsächlich mal.

Wieso eigentlich das Sihltal und nicht der Zürichsee?

Ich lege an den grossen Partys immer lieber auf dem zweiten Floor auf. Auf dem Hidden Floor, den man erst eine Weile suchen muss. Und so ist es auch in Zürich. In meiner Fantasie findet meine Auszeit eben nicht auf der Chinawiese am Zürisee, sondern im schattigen Sihltal, im Elefantenbachtobel oder in Schwamendingen statt.