23.04.2018

«You Were Never Really Here»: der Hammer-Film

Text: Reto Baer

In diesem düsteren Thriller verkörpert Joaquin Phoenix einen traumatisierten Einzelgänger, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, zur Prostitution gezwungene Mädchen zu retten.

Eben war Joaquin Phoenix in «Maria Magdalena» noch als Jesus zu sehen, und nun spielt er in «You Were Never Really Here» einen Kriegsveteranen, der Leuten, die ihm im Weg stehen, mit einem Hammer den Schädel einschlägt. Grösser könnte der Rollenspagat gar nicht sein. Mit 43 Jahren war Phoenix eigentlich zu alt für die Messias-Rolle, aber für den unheimlichen Typen mit dem Hammer hat er genau das richtige Alter.

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Mit seiner Mutter (Judith Roberts) kann sich Joe (Joaquin Phoenix) entspannen.

Wortkarg, hünenhaft, mit langen Haaren und Vollbart wirkt dieser Joe sehr unnahbar und in sich gekehrt. Einzig wenn er mit seiner alten Mutter (Judith Roberts) zusammen ist und für sie kocht, scheint er entspannt. Dass er mit ihr zusammenwohnt, macht ihn anderseits zu einem sonderbaren Vogel. In einer Szene schaut seine Mutter Hitchcocks «Psycho» im Fernsehen, in dem es um einen Mörder mit Mutterkomplex geht. Das ist allerdings nur eine augenzwinkernde Anspielung auf Joes eigene Dämonen.

Wortkarg, hünenhaft, mit langen Haaren und Vollbart wirkt dieser Joe sehr unnahbar und in sich gekehrt.

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Joe hat die entführte Nina (Ekaterina Samsonov) gerettet.

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Joaquin Phoenix überzeugt in seiner Rolle als Joe.

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Flashbacks in seine Kindheit enthüllen, dass sein gewalttätiger Vater seine Mutter verprügelte – immer wieder. Als kleiner Junge konnte Joe nichts dagegen tun, als Erwachsener, der beim Militär und FBI war, ist das nun anders: Er geht gegen Männer vor, die Frauen missbrauchen. Er verdient sein Geld nämlich als Befreier von entführten Frauen und Mädchen. In der Regel wird er im Sex-Milieu fündig. So auch bei seinem neusten Auftrag.

Er verdient sein Geld als Befreier von entführten Frauen und Mädchen.

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Er soll die 13-jährige Nina (Ekaterina Samsonov), die verschwundene Tochter des Senators Votto (Alex Manette), zurückbringen. 50’000 Dollar werden ihm dafür versprochen. Dass Votto weiss, in welchem New Yorker Luxusbordell seine Tochter steckt, müsste Joe misstrauisch machen. Doch er sieht nur seinen eigenen Kreuzzug. Nach Ninas Rettung läuft prompt alles schief und er wird selbst zur Zielscheibe.

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Wegen dieser eher einfach gestrickten Story muss man «You Were Never Really Here» nicht sehen, sondern wegen der packenden Atmosphäre, die Regisseurin Lynne Ramsay kreiert. Die elektronische Musik von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood unterstreicht die düstere Stimmung zusätzlich. Und natürlich ist auch Joaquin Phoenix’ intensives Spiel dafür mitverantwortlich. Man ist geradezu froh, dass die Kamera nicht noch bis ins letzte Detail zeigt, was passiert, wenn Joe den Hammer hervorholt.

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Joe entsorgt eine Leiche.

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Man spürt förmlich, wie es in Joe brodelt. Er könnte geradesogut zum Amokläufer mutieren.

Der Thriller ist kein ermüdendes Action-Feuerwerk, sondern lebt auch von ruhigeren Szenen, die allerdings auf ein unruhiges Innenleben des Protagonisten hindeuten. Man spürt förmlich, wie es in Joe brodelt. Er könnte geradesogut zum Amokläufer mutieren. Fast scheint es so, als ob seine Gewaltausbrüche ihn auf der Bahn eines einigermassen «normalen» Bürgers halten. Der Film ist sehr sehenswert, aber nichts für Zartbesaitete.

Reto Baers Bewertung

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«You Were Never Really Here» läuft ab dem 26. April in folgendem Zürcher Kino:

Riffraff

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