28.07.2018 – Kultur & Nachtleben

Die wilde Rote – Open-Air-Kino hinter der Fabrik

Text: Reto Baer

Bei der Roten Fabrik denkt man an alle möglichen kulturellen Veranstaltungen, Konzerte, Partys et cetera, aber nicht unbedingt an Kino. Dabei ist Film am See das älteste Open-Air-Kino der Stadt Zürich – und der Eintritt ist erst noch gratis. Noch bis Ende August werden dort jeden Donnerstag alte und neue Filme zum Thema «Uufmüpfigi» gezeigt, zum Beispiel die köstliche Komödie «Wilde Maus».

Film am See steht etwas im Schatten des Allianz Cinema auf der anderen Seeseite am Zürichhorn. Zu Unrecht, weil man auch hinter der Roten Fabrik einen sehr stimmungsvollen Filmabend unter freiem Himmel erleben kann. Die Mammutbäume am Seeufer bieten eine lauschige Kulisse. Und wenn man zuvor im legendären Rote-Fabrik-Restaurant Ziegel oh Lac geschlemmt hat, hat man sowieso schon gute Laune. Dann braucht es nur noch einen lauen Sommerabend und einen aussergewöhnlichen Film.

Um 50 Jahre 1968 zu feiern, zeigen die Organisatoren dieses Jahr Filme mit rebellischen Heldinnen und Helden.

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Um 50 Jahre 1968 zu feiern, haben die Organisatoren dieses Jahr das Thema «Uufmüpfigi» gewählt und zeigen Filme mit rebellischen Heldinnen und Helden. Der Musikjournalist Georg (Josef Hader) in der österreichischen Komödie «Wilde Maus» (2017) ist so ein Rebell, der nicht einfach zu allem Ja und Amen sagen will. Seinen Rauswurf bei einer Wiener Zeitung etwa nimmt er nicht stillschweigend hin, sondern startet nächtliche Racheakte gegen seinen Ex-Chef (Jörg Hartmann).

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Kleine Auseinandersetzung zwischen Georg (Josef Hader, rechts) und Erich (Georg Friedrich)

Natürlich sind seine Vandalenakte eher hilflose Versuche, sich gegen den unaufhaltsamen Abbau bei den Printmedien zu wehren. Da kann einer ein noch so guter Journalist sein, wenn er wie Georg auf klassische Musik spezialisiert ist, dann gehört er nun mal zu den Ersten, die wegrationalisiert werden. Und weil Georg sich nicht traut, seiner Partnerin (Pia Hierzegger) davon zu erzählen, tut er immer noch so, als ginge er jeden Morgen auf die Redaktion.

Damit ist Georg definitiv am Rand der Gesellschaft angekommen. Logisch, dass seine Partnerin irgendwann dahinterkommt.

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Beim Rumstreunen im Prater freundet er sich mit dem Schausteller Erich (Georg Friedrich) an, der eine Achterbahn betreibt, eine sogenannte «Wilde Maus». Erich ist zwar ein einfaches Gemüt, teilt aber Georgs Schicksal. Auch er hat seine Stelle verloren und ist dann bei der «Chilbi» gelandet. Damit ist Georg definitiv, wie man so sagt, am Rand der Gesellschaft angekommen. Logisch, dass seine Partnerin irgendwann dahinterkommt. Dadurch gerät die ohnehin schon angeschlagene Beziehung noch mehr in Schieflage, was Georgs Wut auf seinen Ex-Chef weiter anstachelt. Jetzt will er es ihm erst recht zeigen.

Mit «Wilde Maus» ist Hader eine Gesellschaftskomödie geglückt, die vor frechen Dialogen und komischen Situationen nur so sprüht.

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Hauptdarsteller Josef Hader, den man hierzulande vor allem aus den Verfilmungen der skurril-makabren Brenner-Krimis kennt, hat auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Mit «Wilde Maus» ist ihm eine Gesellschaftskomödie geglückt, die vor frechen Dialogen und komischen Situationen nur so sprüht. Die Handlung ist so wahnwitzig, dass der renommierte Musikkritiker Georg schliesslich in Unterhosen durch den Schnee stapft. Wie und warum es so weit kommt, soll hier nicht verraten werden. Aber es ist schon ein starkes Bild fürs Kälterwerden unserer Leistungsgesellschaft.

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Georgs Partnerin Johanna (Pia Hierzegger) ahnt lange nichts.

Josef Hader würde es sicher gefallen, dass sein Film im Rahmen der «Uufmüpfigi»-Reihe in einem Open-Air-Kino läuft, das 1984 startete und sich damals wie Haders Antiheld Georg auch nicht an die Regeln hielt. Weil nämlich die Aufführungsbewilligungen fehlten, durften die Organisatoren der Roten Fabrik nicht mit den offiziellen Filmtiteln werben. Also wurden sie kreativ und kündigten beispielsweise «Last Tango in Paris» (1972) als «Brandos letzter Tanz in der französischen Hauptstadt» an. So was ist heute nicht mehr nötig. Die Bewilligung, «Wilde Maus» und all die anderen Filme unterm Sternenhimmel vorzuführen, ist ganz regulär vorhanden. Und sollte es mal regnen, findet die Vorführung unter Dach statt.

Adresse

Rote Fabrik
Seestrasse 395
8038 Zürich

Infos

Donnerstag, 9. August: «Wilde Maus»

Filmbeginn: 21 Uhr, Bei schlechtem Wetter indoor, Das gesamte Programm findest du hier