20.10.2018

Monster gibt es nicht

Text: Sarah Stutte

Der Film «Der Läufer» legte in diesem Herbst den besten Schweizer Kinostart des Jahres hin. Der 35-jährige Zürcher Regisseur Hannes Baumgartner erklärt im Interview, warum er sich in seinem Erstling der Psyche eines erfolgreichen Waffenläufers annähert, der nachts zum Mörder wird. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte des Thurgauer Spitzensportlers Mischa Ebner nach.

Dein Film orientiert sich an einem realen Fall. Was hat dich daran so beschäftigt, das du aus dem Stoff einen Film machen wolltest?

Die Ambivalenz des Täters. Einerseits war er ein Mensch, der gesellschaftlich durch den Sport, seine Arbeit und seine Beziehungen gefestigt schien. Auf der anderen Seite steht seine Gewalt. Wie kann jemand nach aussen so integriert sein und im Innern so isoliert? Es war mir wichtig, zu hinterfragen, was zu seinen Taten führte. Ich glaube nicht daran, dass es ein Monster gibt, das plötzlich aus einem Menschen herausbricht. Dahinter stecken immer Mechanismen.

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Der Zürcher Regisseur Hannes Baumgartner. Foto: Thomas Lohnes

Du hast sechs Jahre lang an deinem Erstlingsfilm gearbeitet. Verlangte das die Geschichte?

Ja. Es war eine intensive Recherche und ein sehr komplexes Thema. Ich habe viele Leute aus dem persönlichen Umfeld des wahren Täters getroffen, die Pflegemutter, die Polizei und Läuferkollegen. Auch der Kontakt zum damaligen psychiatrischen Gutachter war sehr wichtig. Er konnte uns einen guten Einblick in die Innenwelt des Täters geben. Mir war aber rasch klar, dass ich mich aus der Recherche auch wieder lösen und mich auf eine Interpretation der Ereignisse fokussieren muss. Ich wollte nicht noch mal eine dokumentarische Aufarbeitung realisieren.

«Ich hatte gemischte Gefühle, die zwischen Anteilnahme für ihn und Ablehnung seiner Brutalität hin- und herpendelten.»

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Der Täter, der im Film Jonas Widmer heisst, ist uns als Zuschauern anfangs sogar sympathisch. War es für dich eine Gratwanderung, deine Hauptfigur so darzustellen?

Absolut. Auch ich hatte während des ganzen Rechercheprozesses gemischte Gefühle, die zwischen Anteilnahme für ihn und Ablehnung seiner Brutalität hin- und herpendelten. Der Film versucht, diese Zwiespältigkeit nicht zu verstecken. Ihn nicht als Unmenschen zu zeigen, jedoch auch nicht seine Taten zu verteidigen. Die Geschichte fordert viel. Die Zerrissenheit des Täters überträgt sich auf den Zuschauer, der sie genauso aushalten muss. Es war nicht nur für mich eine Gratwanderung, seine Innenwelt erfahrbar zu machen. Es bleibt auch für den Zuschauer eine Herausforderung, die Auswirkungen seines inneren Kampfes mitzuverfolgen.

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Was für ein Mensch ist dieser Jonas Widmer?

Jemand, der sich selbst nicht begreift, sich aber zu verstehen versucht. Dieses Dilemma lässt ihn verzweifeln und entlädt sich in Aggression. Sein Bruder war der Einzige, der Zugang zu seiner Innenwelt hatte. Durch das kindliche, nie ganz verarbeitete Trauma, das sie eng miteinander verband. Jonas merkt, dass ihn in der Aussenwelt niemand versteht. Gleichzeitig klammert er sich am Rand dieser Welt fest, um nicht in seinem Innersten zu ertrinken. Weil er in der Kindheit sehr isoliert war, hat er im Umgang mit anderen Menschen klare Defizite. Er kann sehr schwer mit Ablehnung umgehen, provoziert sie aber, indem er nicht nur die eigenen Grenzen, sondern auch die der Menschen in seinem Umfeld überschreitet.

«Jonas Widmer ist permanent in Bewegung und einem extremen Druck ausgesetzt.»

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Seine Beziehung zum Sport ist ebenfalls ambivalent. Einerseits ist das Laufen für ihn ein Ventil für seine Emotionen. Andererseits ebnet es, durch die dadurch wieder wachgerufenen Erinnerungen an seinen Bruder, auch den Weg zur Gewalt.

Genau. Der Sport rettet ihn im gleichen Masse, wie er ihn in falscher Sicherheit wiegt. Er glaubt absurderweise, ein Sieg würde alle seine Probleme lösen. Doch er läuft nur vor sich selbst davon. Jonas Widmer ist permanent in Bewegung und einem extremen Druck ausgesetzt. Mit vier Jahren konnte er noch nicht richtig laufen. Er kam also nicht zu diesem Sport, weil er besonders begabt war, sondern weil es für ihn eine Notwendigkeit darstellte.

Denkst du, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse fliessend sind? Dass wir alle irgendwann an unseren Traumata zerbrechen und zu Gewalt neigen könnten?

Ich glaube, dass so etwas sehr wohl in uns mitschwingt. Die Frage ist auch, inwiefern dieser Gefahr offenbar vor allem Männer ausgesetzt sind, weil es ihnen schwerer fällt, über ihre eigenen Gefühle und Verletzungen zu sprechen – was sich dann in physischer oder psychischer Gewalt äussern kann. Der Fall von Mischa Ebner hat gezeigt, dass zwischen gesellschaftlicher Integration und der Innenwelt, die komplett anders aussehen kann, oft nur ein sehr schmaler Grat besteht. Das macht es so schwierig. Die Grenze ist derart brüchig.

Er fängt an, nachts zu laufen und auf seinem Weg junge Frauen zu überfallen.

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Über den Film

Als der gefeierte Langstreckenläufer Jonas Widmer (Max Hubacher) die Titelverteidigung seines Heimrennens verpasst, scheint die Fassade des ruhigen jungen Mannes zu bröckeln. Immer öfter holen ihn Erinnerungen an seinen verstorbenen Bruder ein, dem er sich tief verbunden fühlte. Er fängt an, nachts zu laufen und auf seinem Weg junge Frauen zu überfallen. Dem Film liegt der wahre Fall des Thurgauer Spitzensportlers Mischa Ebner zugrunde, dessen Gewaltserie sich in den frühen 2000er-Jahren von Raubüberfällen bis zu Mord entwickelte.

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