07.01.2022 – Kultur & Nachtleben | Züri-Song

«Militärflugzeuge und gigantische Konzerte können mir gestohlen bleiben»

Interview: Adrian Schräder

Im Spätherbst ihres Daseins überraschte die legendäre Zürcher Band Baby Jail ihre Fangemeinde 2014 mit einer Hymne auf Schwamendingen. Komponist und Autor Boni Koller über Würste, die was können, und Lobhudeleien auf seine Heimatstadt.

Städte sind im stetigen Wandel. Früher war Kreuzberg das Nonplusultra, dann war Prenzlauer Berg im Trend, dann irgendwann Neukölln. Ja, und Williamsburg gab’s ja auch noch. Und heute? Vielleicht eben bald mal Schwamendingen im Zürcher Norden. Vorsorglich hat Boni Koller, der Mann, dem wir unter anderem Songs wie «Tubbel Trophy» von Baby Jail, «Ohni Znacht is Bett» von Schtärneföifi oder «Summer» von der Revolting Allschwil Posse zu verdanken haben, schon mal eine Hymne geschrieben.

Es heisst, es seg stier da, es müesi meh Schmier ha und weniger Goldchettä/
Debi isch es einfach chli lüüter als z’Leimbach und gletter als Altstettä

«Ich denke an die idyllische Ziegelhütte.»

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Ich schreibe Schwammendingen immer falsch. Aber mit Sponge Bob und Wandtafelreinigungsgeräten hat das Quartier ja nix am Hut. Wenn mir das wieder klar geworden ist, denke ich an die Ziegelhütte. Woran denkst du als Erstes?

Boni Koller: Da geht es mir gleich wie dir: Als Erstes denke ich an das idyllisch gelegene Restaurant Ziegelhütte. Aber gleich danach kommen die Autobahn und dann der Tramtunnel vom Milchbuck nach Schwamendingen.

Schwamendingen ist eine Pufferzone. Ein Schutzschild gegen Dübendorf. Ohne Schwamendingen wäre der Militärflugplatz im Irchelpark. Aber natürlich auch Madonna oder die Stones. Es gibt also Argumente dafür und dagegen. Welche überwiegen?

Ich glaube eigentlich, dass die positiven Aspekte im Endeffekt überwiegen. Davon abgesehen können mir Militärflugzeuge und gigantische Konzerte gleichermassen gestohlen bleiben.

Niemert regt sich uuf, wenn’d Schiibä zitteret,
es isch dänk nummä es Flugzüüg oder es gwitteret.

Euer Song «Schwamedinge» ist auf dem Album «Grüsse aus dem Grab» von 2014 erschienen. Wie ist er entstanden? Auf einer Veranda an der Ueberlandstrasse?

Die Idee kam mir, weil ein Konzert von Baby Jail in der Ziegelhütte bevorstand. Ich wollte ein spezielles Lied für diesen Abend haben. Und das uralte «Z’Schwamedinge isch Chilbi» war mir dann doch etwas zu abgenutzt.

Habt ihr den Song schon mal in der Endzone performt? Und generell natürlich auch: Wie hat die Schwamendingerin, wie hat der Schwamendinger reagiert?

Logisch haben wir mit Baby Jail den Song an den Konzerten in der Ziegelhütte gespielt. Im Februar 2020 war ich damit ausserdem als Gast bei den «Schwamedinger Stars» um die Gebrüder Ruosch eingeladen. Im Publikum im Restaurant Schwamedinger Huus sassen vor allem ältere Leute aus dem Quartier. Denen hat es scheinbar gefallen.

Zum chli go gröhlä und d’Lampä go öle, muesch nöd bis is Dörfli gah/
en Eggä zum Tanzä und eis uf dä Ranze, das chasch au scho z’Stettbach ha.

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… und wänn dä Radio kaputt isch, cha mer singe.

Die Scheiben zittern, die Trams hören auf zu fahren – ist es wirklich «gletter als Altstette»?

Ich behaupte, es gibt sowohl in Schwamendingen als auch in Altstetten schöne und etwas weniger angenehme Ecken. Beide Quartiere sind mir als Velofahrer zum Wohnen aber zu abgelegen.

… und wänn dä Radio kaputt isch, cha mer singe.

Kurze Pause von Züri Nord: Woran arbeitest du zurzeit? Und: Was für Songs, welche Art Musik entsteht gerade?

Ich arbeite an neuen Liedern für mein Duo Linx & Lechz mit Nico Feer, ausserdem schreibe ich meinen zweiten Kinderroman.

Die Müden Rüben und N’Sync haben sich aufgelöst, Robbie Shakespeare ist tot, Charlie Watts auch. Was ist mit Baby Jail?

Baby Jail haben sich sogar zweimal aufgelöst: einmal im Mai 1994 und nach etwa 70 Reunionskonzerten ein zweites Mal im Dezember 2017.

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Was ist dein liebster Züri Hit und wieso?

Da gibt es recht viele, aber ich entscheide mich kurz und bündig für «Züri brännt» von TNT.

Verrätst du uns trotzdem noch einige mehr, die dir lieb und teuer sind?

Klar: «Eusereine chönnt das au» von Margrit Rainer, einiges aus der «Kleinen Niederdorfoper», zum Beispiel «Mis Chind» oder «De Heiri hät es Chalb verchauft»,
«Züri Punx» von Sperma, «Paradiesli» oder überhaupt fast alles von Tabbis Nukkerli und «Nie usenand gah» von Elijah Salomon.

Kommt die Stadt eigentlich auch in deinen Kinderliedern vor?

Mehrfach. Die Schtärneföifi-Lieder «Züritüütsch», «Wieso isch Züri so beliebt?» und «Z’Züri im Tessinerchäller» sind lauter schamlose Züri-Lobhudeleien, und das ist nur die Spitze des Eisbergs!

Und schnell wieder zurück. «Schwamedinge» ist ja eine zünftige Hymne. Ist sie schon mal als solche eingesetzt worden? Vom Turn-, Volleyball- oder Fussballverein Schwamendingen vielleicht?

Ich weiss nur von einer Pfadfindergruppe, die das Lied gelegentlich singt.

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«Ein Quartier braucht ja nicht einmal eindeutig positive Eigenschaften, um eine Hymne zu bekommen.»

Ich frage für einen Freund – zero connection: Gäbe es eigentlich auch Songs, die man über Witikon oder Höngg schreiben könnte?

Selbstverständlich ginge das. Ein Quartier braucht ja nicht einmal eindeutig positive Eigenschaften, um eine Hymne zu bekommen. Gerade unser «Schwamedinge» ist da ein gültiger Beweis.

Die legendärsten Zeilen «Es git Würscht im Gartä, mer mues nöd lang wartä, wänn mer en Rugel will/Dä Jürg und dä Hugo, dä Türk und dä Jugo händ all en Chugelgrill» scheinen ja auf jahrelanger Feldforschung zu fussen. Kann die Schwamendinger Wurst was?

Ich bin nicht Stammkunde in Schwamendinger Metzgereien, aber ab und zu als Gast in der Ziegelhütte. Und dort kann die Wurst ganz bestimmt etwas, auch wenn ich nicht weiss, wo sie hergestellt wird.

Letzte Frage: Wo wohnst du eigentlich?

Ich wohne im Kreis 5 beim Limmatplatz.

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