Cabaret Voltaire

Er ist Limousinen- und Rikscha-Fahrer, Barkeeper und Türsteher. Wir haben Atila Yagmur im Cabaret Voltaire, am Geburtsort des Dadaismus, getroffen.

Im schwarzen Anzug fährt Atila Yagmur einflussreiche Menschen in der Limousine nach St. Moritz. In angesagten Clubs greift er als Türsteher durch. Und zwischendurch steuert er ein Rikscha-Taxi mit Touristen durch Zürich. Ich treffe den Lebenskünstler Atila Yagmur im Cabaret Voltaire, wo einst die Dada-Bewegung ihren Anfang nahm. An diesem für ihn wichtigen Ort arbeitet er als Barkeeper. Sein grösstes persönliches Projekt hat der 47-Jährige aber eben erst gestartet.

Grosse, silberne Ohrringe, markanter Schnauz und imposante Statur. Im Mundwinkel eine krumme Villiger-Zigarre. Auf dem Kopf trägt er eine Art Strumpf. Der Mann fällt auf. Atila Yagmur steht vor der Bar des Cabaret Voltaire. Er begrüsst mich mit einem Handschlag. Diesen geschichtsträchtigen Ort an der Spiegelgasse, wo einst Hugo Ball den Dadaismus begründete, hat er für unser Treffen vorgeschlagen. «Weil auch ich etwas dada bin», sagt er und grinst. Tatsächlich hält der gebürtige Türke wenig von Normen, was in seinem Fall durchaus positiv gemeint ist.

«Auch ich bin etwas dada.»

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In der Grossstadt Ankara wächst er bei der Grossmutter auf. Früh ist Atila auf sich alleine gestellt. Später beginnt er ein Wirtschaftsstudium, das er nach drei Semestern abbricht, um in Bodrum als Touristenführer anzuheuern. «Die Freiheit, das Meer und die Natur, das hat mir doch eher zugesagt als die Hörsäle an der Uni.» Er schwärmt von der jahrhundertealten anatolischen Kultur, dem Klima und der vielseitigen Flora. 3000 Pflanzen gebe es, die nur dort wachsen. Kurz wirkt er wehmütig. «Ja, es war eine unbeschwerte Zeit.»

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Und doch fand er sich kurze Zeit später in Bielefeld wieder. In Bodrum lernte er eine Touristin kennen. Nur 25 Tage danach heirateten die beiden in Deutschland. «Alles lief etwas unglücklich», erzählt Atila. Bis zu 16 Stunden pro Tag habe er als Küchengehilfe und in Diskotheken gearbeitet. Auch zwischen ihm und seiner Frau habe es gekriselt, sodass sie sich bald wieder getrennt hätten.

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Wir sitzen am späten Nachmittag im hinteren Teil der Bar – gleich unter der Büste des Philosophen Voltaire. Es ist ruhig. Am grossen runden Tisch nebenan trinken Studenten ihr Feierabendbier. Zwischendurch Gelächter. Ein älterer Herr sitzt am Tresen. Und wieder klingelt Atilas Smartphone. «Ein Anruf aus der Türkei», sagt er und entschuldigt sich. Als er aufgelegt hat, steht er auf und zapft mir ein grosses Bier. An drei Tagen pro Woche arbeitet Atila hier hinter der Bar. Heute hat er frei.

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«Das Cabaret Voltaire ist für mich ein besonderer Ort.» Er mag die Veranstaltungen und Konzerte, die Gäste und die interessanten Gespräche mit ihnen. Nicht selten komme es vor, dass man eine Diskussion an einem anderen Tag weiterführe. «Wenn ich im Kreis 4 arbeite, passiert das nie», sagt er und lacht. Dort, im Ausgangsviertel, seien die Themen doch eher oberflächlich. Atila ist auch noch Türsteher in angesagten Clubs wie dem Gonzo und dem Fat Tony oder der Olé Olé Bar. Er brauche diesen Gegensatz und habe mittlerweile das Privileg, dass er sich die Jobs aussuchen könne. «Nie würde ich eine Arbeit annehmen, wenn mir der Chef unsympathisch ist.»

Dass er, der es nie lange an einem Ort ausgehalten hat, nun seit zehn Jahren in der Schweiz lebt, hat einen guten Grund. Mit seiner Ex-Partnerin, einer Schweizerin, hat Atila eine neunjährige Tochter. «Auch wenn mir hier in der Schweiz vieles zu reglementiert ist, für mein Kind könnte ich mir keinen besseren Ort vorstellen, um aufzuwachsen.» Und ihm selber würden sich immer wieder spannende Möglichkeiten eröffnen. Seit einiger Zeit springe er zum Beispiel als Tuktuk-Fahrer ein und zeige Touristen die Stadt Zürich. Falls gewünscht, chauffiere er seine Gäste auch schon mal durchs verkehrsfreie Niederdorf und riskiere so im Falle einer Busse den gesamten Lohn für die Fahrt. «Man will den Touristen ja auch einen Gefallen tun.»

Er chauffiert seine Gäste schon mal durchs verkehrsfreie Niederdorf und riskiert so den gesamten Lohn für die Fahrt.

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Stammgast Idriss Tayeb Cherif findet, dass der alte Look das Cabaret Voltaire so besonders macht: «Schau dir doch mal die Wände an».

Ein weiteres Standbein hat sich der 47-Jährige als Limousinenfahrer der Fifa aufgebaut. Zwar schwer vorstellbar, aber rasiert und im Anzug – «und natürlich ohne Ohrringe», wie er betont –, chauffiert er wichtige Leute in der Schweiz herum. Da bekomme er schon so einiges mit, das er hier natürlich nicht verraten könne. Aktiv suche er als Fahrer das Gespräch nicht, werde er aber gefragt – etwa nach seiner Herkunft –, könnten spannende Diskussionen entstehen. «Das letzte Mal zum Beispiel über die mehr als 25 Volksgruppen in der Türkei und wie sie mehrheitlich friedlich zusammenleben.»

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Die Bar ist mittlerweile gut gefüllt, die Musik lauter. Atila steht auf und begrüsst ein paar Stammgäste. Zurück kommt er mit einem weiteren grossen Bier für mich. Selber nippt er nach einer Stunde noch immer am selben Panaché. «Hast du gewusst, dass auf dem Gebiet der heutigen Türkei schon vor 12 000 Jahren Bier hergestellt wurde?» Neben den Anekdoten, die er an diesem Abend immer wieder zum Besten gibt, liegt es Atila Yagmur offensichtlich am Herzen, den Menschen sein Heimatland näherzubringen und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Nur über Politik will er erst nach dem offiziellen Teil des Gesprächs reden. «Aber man kann sich ja vorstellen, was ich denke.»

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Vor ein paar Jahren hat Atila im Süden der Türkei Land gekauft. Dort, auf einem Hügel im Nirgendwo, fünf Kilometer vom Meer entfernt, will er ein Haus bauen und Landwirtschaft für den Eigengebrauch betreiben – «so wie vor 2000 Jahren». Die Tür soll für Freunde, Bekannte und Künstler immer offenstehen – das Haus und das kleine Amphitheater sollen für Kunst- und Theaterprojekte Platz bieten. «Dada Türkei quasi», sagt Atila und lacht. Vor allem aber mache er das für seine Tochter: «Ich will ihr später etwas hinterlassen.»

Adresse

Cabaret Voltaire
Spiegelgasse 1
8001 Zürich
+41 43 268 57 20
Website

Öffnungszeiten

Bar & Café
Dienstag bis Donnerstag, 17.30–24 Uhr
Freitag, 17.30–2 Uhr
Samstag, 15–2 Uhr
Sonntag, 16–22 Uhr

Museum & Shop
Montag bis Freitag & Sonntag, 11.30–17.30 Uhr
Samstag, 9.30–17.30 Uhr

Infos

Nicht nur das Damenklo hat einen beachtlichen Sprung in der Schüssel, sondern das gesamte Kunstwerk Cabaret Voltaire scheint ein bisschen verrückt und lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Ein Museum, ein Konzertlokal und Club, ein Inspirationstreff, eine Cafébar, wo jeder – ob Expat, Dada-Liebhaber, Tourist oder Zürcher – willkommen ist: Das ist das Cabaret Voltaire in aller Kürze. Seine Geschichte ist länger und begann 1916, als die Dadaisten mit rebellischen Aktionen den Konformismus in einer sich bekriegenden Welt niederschlagen wollten.