11.08.2020 – Stadt & Geschichte

Füchse am Stadelhofen und Biber in der Limmat: So wild ist Zürich

Text & Fotos: Ueli Abt Fotos: Cornelia Hürzeler

Schon ein Reh gesehen? Die Stadtnaturbeobachterinnen Cornelia Hürzeler und Saskia Jenny halten mit der Wildtierkamera fest, was anderen Städter*innen verborgen bleibt. Das hilft auch den anpassungsfähigen Tieren.

Um ein Haar hätte Cornelia Hürzeler den Dachs gesehen. Sie und ihr Mann waren extra nachts um drei Uhr aufgestanden, um vom Balkon im ersten Stock des Einfamilienhauses ein astronomisches Phänomen am Himmel zu beobachten, den sogenannten Blutmond.

In jener Nacht schoss die Wildtierkamera erstmals ein Bild von einem Dachs. Wie Cornelia aufgrund des Zeitstempels feststellte, hatte die Kamera genau in jener Zeit ausgelöst, als das Ehepaar den Mond beobachtete. «Wir schauten zum Himmel hinauf und nicht in den Garten hinunter. Sonst hätten wir ihn gesehen», ist sich die 59-Jährige sicher.

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Cornelia Hürzeler

Jeweils am Morgen macht sich Cornelia einen Kaffee, setzt sich in ihrem Doppel-Einfamilienhaus in Albisrieden an den Computer und schaut die Fotoausbeute der vergangenen Nacht an. «Ich bin jeden Morgen gespannt, was im Garten lief», sagt Cornelia.

Gleich drei Wildkameras hat sie auf dem an die Terrasse angrenzenden Rasenstück aufgestellt. Im Garten gibt es Bäume und Büsche in losen Abständen – Weissdorn, Holunder, Birne, Klarapfel -, ein Hochbeet und einen Wellblechschuppen.
Die mit Bewegungsmeldern ausgerüsteten Kameras hat Cornelia so positioniert, dass sie einen mit Wasser gefüllten Blumentopfuntersetzer im Blick haben: den Wildtier-Hotspot in ihrem Garten.

Morgens kontrolliert Cornelia die Fotofallen.

Vor drei Jahren hatte sie die Schale aufgestellt. «Für Wildtiere in der Stadt ist es oft schwierig, Trinkwasser zu finden», so Hürzeler. Insbesondere die Igel seien auf buchstäblich niederschwellige Angebote angewiesen.

Cornelia, die beruflich im Sozialbereich für eine Kulturstiftung tätig ist, wusste vor rund sieben Jahren nicht sehr viel über die Vögel, die sie bislang mit einer herkömmlichen Kamera fotografiert hatte – geschweige denn über Stadtwild. Doch die Neugier auf die Fauna in ihrer nächsten Umgebung wuchs. «Das kommt wohl mit dem Alter», sagt sie und lacht. Über einen Zeitungsartikel wurde sie auf den Verein Stadtnatur aufmerksam und trat diesem bald darauf bei.

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Heute führt Cornelia immer wieder Beobachtungsaufträge aus – zählt und bestimmt etwa Baumarten in einem definierten Gebiet und trägt zudem mit ihren Tierbeobachtungen zum Monitoring der Stadtfauna bei. In den vom Verein organisierten Weiterbildungen und Rundgängen erfährt sie mehr über die Tiere und kommt dabei in Kontakt mit weiteren Zürcher Stadtnaturbeobachter*innen. «Ich fühle mich als Teil einer Gemeinschaft, was ich sehr schätze.»

Mit einem Gerät lässt sich die Fledermausart bestimmen.

«Die Community-Bildung ist uns sehr wichtig», sagt Anouk Taucher von der unabhängigen Beratungs- und Forschungsgruppe Swild. Die Gemeinschaft hat vor rund sieben Jahren das Monitoring-Projekt «Stadtwildtiere» sowie den dazugehörigen Verein Stadtnatur ins Leben gerufen.

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Laut Taucher hat das Projekt mehrere Ziele: Zunächst will man mit dem Monitoring durch die Freiwilligen herausfinden, wie und wo die Tiere leben. «Wenn man weiss, wie es den Tieren geht, kann man auch Massnahmen ergreifen, um sie zu schützen», sagt die 31-Jährige. Es gehe aber auch um die Sensibilisierung der Stadtbevölkerung für die Tierwelt in der Stadt.

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Anouk Taucher

Stadttiere passen sich ständig an.

Die Wildkamera ist dabei nur ein Hilfsmittel zum Erfassen und Dokumentieren der Wildtiere. Letztes Jahr befassten sich die Freiwilligen mit Fledermäusen, die in Gebäuden leben. Als Hilfsmittel diente dabei ein kleines, handflächengrosses Gerät zum Ermitteln der Schallfrequenz der Fledermaus-Töne, womit sich die Art bestimmen lässt.

Im Nachbarquartier von Albisrieden, in Friesenberg und ein paar Hundert Meter von Cornelias Haus entfernt liegt das Gebiet von Stadtnaturbeobachterin Saskia Jenny. Die 49-jährige Biologin macht berufshalber Führungen und Workshops im Zoo und erteilt im Auftrag des WWF an Schulen Umweltunterricht. Dass sie sich freiwillig am Wildtier-Monitoring beteiligt, sieht sie als sinnvolle Ergänzung zum Beruf, in dem es hauptsächlich um exotische Tiere geht.

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Saskia Jenny

«Mich fasziniert, wie opportunistisch die Stadtwildtiere sind», sagt Jenny. «Sie kommen ungefragt in die Stadt, wo es mehr als genug Nahrung gibt. Dabei passen sie sich an – zum Beispiel durch eine geringere Fluchtdistanz.»

Auch wenn die Stadtbewohner*innen die Tiere nur selten zu Gesicht bekommen – sie sind da. Man kann zumindest Spuren sehen, wie Jenny auf einem Rundgang durchs Quartier zeigt: Das Gras ist an Stellen, an denen immer wieder Füchse durchschlüpfen, etwas niedergetrampelt, und manchmal zeigen sich sogar Ansätze von eigentlichen Wildwechseln.

«Mit den Wildkameras kann man die Tiere sichtbar machen», sagt Jenny, und darin liege eine besondere Faszination. «Meine 18-jährige Tochter erschrak, als ihr bewusst wurde, dass der Fuchs nachts zwei Meter von ihrem Schlafzimmerfenster entfernt vorbeispaziert.»

Die Tiere wagen sich in die City.

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Durch die zahlreichen Beobachtungsmeldungen von Freiwilligen ist klar geworden, dass Wildtiere nicht nur an den grünen Stadträndern leben. Teils sieht man sie erstaunlich weit in der Innenstadt, wie aus der Meldeplattform zuerich.stadtwildtiere.ch hervorgeht. Ein Dachs tauchte schon an der Langstrasse auf, Biber wurden am Platzspitz beim Hauptbahnhof gesichtet. 2003 liess sich sogar ein Luchs im Seefeld zwischen Stadelhofen und Tiefenbrunnen blicken. Jenny, die viel Zeit im Quartier verbringt, sieht hin und wieder Tiere. «Wenn man einen Dachs sieht, ist das auf alle Fälle ein Highlight.»

Eine solche magische Begegnung steht Cornelia Hürzeler aus Albisrieden noch bevor. Fotografiert hat sie die Dachse schon oft. Durch die Aufnahmen weiss die Zürcherin: Im Sommer zieht es fast jede Nacht mindestens einen Dachs zur Wasserschale. «Zuerst trinkt er, dann legt er sich ins Becken, um sich abzukühlen.» Gleich drei Exemplare sind auf einer ihrer Infrarot-Aufnahmen aus der Fotofalle zu sehen. «Dachsparade» nennt Hürzeler dieses Bild. «Wer weiss – eines Tages werde ich ihn vielleicht mit eigenen Augen sehen», sagt sie. «Und irgendwann mal einen Luchs», fügt sie an. Das sei zwar nicht realistisch. Doch hoffen könne man ja, sagt sie mit einem Lächeln.

Infos

Der Verein Stadtnatur ermutigt Freiwillige, sich als Stadtnaturbeobachter*innen zu beteiligen. Wildkameras stehen zur Ausleihe gegen Mietgebühr bereit. Wildkameras sind mit Bewegungsmeldern ausgerüstet und schiessen jedes Mal ein Bild, wenn sich im Gras etwas regt. Dank Infrarotlicht gelingen die Aufnahmen auch dann, wenn es fürs menschliche Auge stockdunkel aussieht.

Unter Umständen lohnt sich der Kauf einer eigenen Kamera. Im Handel gibt es heute durchaus brauchbare Modelle, die weniger als 100 Franken kosten. Die Komfortvariante überträgt die Bilddaten gleich kontaktlos auf den Computer. So lässt sich aus Distanz in Echtzeit mitverfolgen, was in der Stadtnatur draussen läuft.

Der Verein rät, die Kameras nur auf privatem Grund aufzustellen – um nicht mit ungewollten Personenaufnahmen Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Je nachdem ist es laut Verein Stadtnatur auch ratsam, sich mit dem Vermieter oder Hausbesitzer abzusprechen und die Nachbarn zu informieren, wenn man eine Kamerafalle aufstellen will.

Das Projekt «Stadtwildtiere» startete 2013 in Zürich. Inzwischen hat es auf andere Städte ausgestrahlt: Analoge Projekte laufen in St. Gallen, Bern, Luzern, Chur, Winterthur sowie in Wien und Berlin. Ausserdem gibt es unter dem Titel «Wilde Nachbarn» vergleichbare Monitoring-Projekte in ländlichen Regionen.

Dieser Artikel ist nicht gratis.

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