29.07.2020 – Menschen & Leben

Klangschalen und schmerzende Knie – zum ersten Mal im Meditationsstudio

Noch nie hat sich unser Autor so intensiv mit sich selbst beschäftigt wie während des Lockdowns. Er trieb Sport, las dicke Bücher, hakte seine To-do-Liste ab – und lud eine Meditations-App herunter. Doch was passiert, wenn er sich beim Meditieren nicht vom Smartphone, sondern von einem Trainer leiten lässt?

Als mir mein kleiner Bruder vor einigen Monaten eine App zum Meditieren empfahl, war ich zunächst mehr als nur stutzig. Er studiert in London Philosophie und hat in der Regel nicht viel am Hut mit Esoterik-Nonsens und Hippie-Hobbys. «Meditieren? Im Schneidersitz und einem langen Ommmm?», fragte ich ihn. «Nicht unbedingt», antwortete er.

Die empfohlene App stammt von Sam Harris. Für den amerikanischen Philosophen ist Meditieren einer der besten Wege, um glücklich zu werden. Mindfullness lautet das Schlagwort. Also bewusst erleben, was um einen herum passiert – und nicht apathisch seine Tage rumkriegen.

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Kenne ich mich selbst zu wenig?

Nach anfänglichem Zweifel und voller Vorurteile lud ich mir die App herunter. Ich hatte ja jetzt im Lockdown etwas, das sonst für Arbeit, Uni und Alltagskram geopfert wird: Zeit.

Für zehn Minuten am Tag versucht die App, einen in das weite Feld der Meditation einzuführen. Und so probierte ich zum ersten Mal, zu meditieren. Siehe da: Zu meinem Erstaunen konnte ich mich mit den meisten Sachen, die im digitalen Meditationskurs erklärt werden, sofort identifizieren. Zum Beispiel damit, dass man den Moment nicht bewusst erlebt, weil man nur reumütig in Erinnerungen schwelgt. Oder weil man sich vorwirft, das und jenes verpasst oder nicht erledigt zu haben. Manchmal denkt man auch nur an das, was noch passieren muss – das Vorstellungsgespräch nächste Woche oder die Projektpräsentation vor der hochnäsigen Chefetage.

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Meditation soll helfen, mit diesen Gedanken besser umgehen zu können und den Moment bewusster, intensiver, ehrlicher erleben zu können. Ehrlicher? Ich habe das Gefühl, ich schreibe bereits wie ein Chai-Tee-schlürfender Backpacker, der alle mit «Bruder» anspricht und dreimal im Jahr nach Bali düst, um «sich selbst zu finden».

Ich habe schrittweise begonnen, täglich zu meditieren. Nie allzu lange am Stück. Und nicht immer erfolgreich. Oft war ich mit meinen Gedanken ganz weit weg vom Meditieren und von der beruhigenden Stimme aus den Handy-Lautsprechern. Es ist unglaublich schwierig, mal an nichts zu denken. An rein gar nichts. Und sich nur auf den eigenen Atem zu konzentrieren oder auf die Sinneswahrnehmungen des eigenen Körpers. Immer wieder tauchten unkontrolliert und chaotisch Gedanken auf.

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«Das passiert, wenn der Geist nicht richtig trainiert ist», erklärt Stefan Faust. Er ist Meditationstrainer im Studio Mind In in Wiedikon. «Wir werden von Gedanken und Überlegungen abgelenkt und können so den Moment nicht bewusst und glücklich wahrnehmen.» Bei Stefan habe ich meine erste professionelle Meditationsstunde gebucht – mit Schneidersitz, Klangschalen und Kerzenlicht. Das volle Programm also.

Stefan führt mich eine Stunde lang durch die Meditation. Erklärt mir, wie überstrapaziert unser Nervensystem ist von all den Reizen, die in jeder Sekunde auf uns eindonnern. Und vom verrückten Leistungsdruck einer modernen Gesellschaft. «Es ist traurig und beunruhigend, wie wenig die Menschen sich selbst eigentlich kennen», erklärt er.

An nichts zu denken, fiel mir schwer.

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Stefan hat recht. Zumindest, was mich betrifft. Das habe ich mittlerweile eingesehen. Ich gebe in der Meditationsstunde mein Bestes, um den Moment bewusst zu erleben. Anders als bei der App habe ich jetzt jemanden, der mich durch die Meditation begleitet. Der mich immer wieder zurückholt aus meinen konfusen Gedanken. Ich fühle mich beeindruckend ruhig und zufrieden. Nicht durchgehend. Aber immer mal wieder habe ich so kleine, erhabene Aha-Momente. Mini-Einsichten in etwas, das mir wirklich gut zu tun scheint.

Ich versuche, das «Hier und Jetzt» – der Backpacker in Bali lässt grüssen und flüstert: «Way to go, Bruder» – wahrzunehmen. Den eigenen Atem, die Geräusche, die den Raum erfüllen, das weiche Flackern der Kerze. Das Schmerzen meiner Kniekehlen, weil eine Stunde im Schneidersitz verdammt weh tun kann. Von wegen Projektpräsentation. Hier geht’s zur Sache. Und zu mir.