LGBT-Kolumne

Geifernde Männer bleiben nicht daheim

Kolumne: Anna Rosenwasser

Einmal im Monat schreibt Anna Rosenwasser, wie sie in Zürich lebt und liebt. Im April erzählt die Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, weshalb sie sich auch im Homeoffice aufbretzelt – und wieso sie es bereut, diese Woche überhaupt die Wohnung verlassen zu haben.

Mich auf Insta von schönen Frauen anflirten lassen: Das ist mein allerliebster Coping Mechanism momentan, da ich gerade nicht an Gay Partys zu Todrick Hall tanzen kann (mit schönen Frauen). Mein zweiter Coping Mechanism ist, dass ich mich trotz Quarantäne jeden Tag hübsch anziehe, immer gleich nach dem Aufstehen, frei nach: fake it till you make it. Wenn ich zumindest so aussehe, als hätte ich gleich ein Date, ginge an ein Punkkonzert oder an eine queere Gala, dann kann mir diese Isolation ein bisschen weniger anhaben. Weil ich was anhab. Was anderes als eine Trainerhose.

Zum ersten Mal seit Tagen gehe ich nach draussen.

Mir fehlt an diesem Samstagmorgen also erstaunlich wenig, ausser vielleicht ein Kaffee. Weil ich schon seit Wochen keinen mehr trinke, ich auch keinen zu Hause hab, nicht mal lausigen. «Oh! Mein! Gott!», ruft meine Freundin – gleichzeitig meine Mitbewohnerin – aus, «das Gleiche dachte ich auch!», und wir chiflen (streiten), ob das kleine Geschäft an unserer Strasse wohl noch immer Kaffee rausgibt. Keine Chance, sage ich. Eeeeh schon, Grundversorgung, sagt meine Freundin. Wir wetten. Wir wetten schon unsere ganze Beziehung lang, meistens um Geld, und mit dem Geld gehen wir dann jeweils brunchen. (Es gibt dieses Klischee, dass wir Gays eine besonders innige Beziehung zu Brunch haben. Ich habe absolut keine Ahnung, woher dieser random Stereotyp stammt, aber ich unterstütze ihn zu 100 Prozent. Nicht nur, weil ich gerne brunche. Sondern weil es jedes Mal wie Wellness ist, wenn ein harmloses Klischee kursiert über eine Gruppe von Menschen, denen sonst sehr viel Schlimmeres nachgesagt wird. Alter, wir zerstören nicht die Gesellschaft, wir wollen nur Brunch. [Just kidding. Gegen die Gesellschaft sind wir ebenfalls ein bisschen.])

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Bis auf zwei Männer ist die Strasse leer.

Meine Freundin ruft an, bei diesem kleinen Laden. «Ja, hallo, ich hab grad eine Wette am Laufen», begrüsst sie die Person am anderen Ende der Leitung, «gebt ihr noch Kaffee raus?» Sie geben. Meine Freundin zeigt mir triumphierend den Mittelfinger, während ich zu meinem Portemonnaie greife. Eins zu null – dafür geh ich zum ersten Mal seit mehreren Tagen raus. Geil.

Es ist dann wirklich geil, die Sonne, die leere Strasse – bis ich an zwei Typen vorbeigehe, beide mindestens 50, beide einfach so am Chillen. Ist ja nichts dabei, ist ja bloss Pandemie. «Morgen», sage ich freundlich, weil ich ein schlechtes Gewissen hab, dass ich einen sicherheitsbedingten Bogen um sie mache, «Morgen», sagen sie, und dann: rufen sie mir Dinge nach. Ich lauf weiter, und sie rufen meinem Rücken nach, was sie von meinem Aussehen halten. «Schöni Frau! Schöne Haare! Sexy Figur!»

Sexismus stirbt nicht aus.

Fassen wir zusammen: Ich bin diese Woche insgesamt etwa eine halbe Stunde draussen gewesen, um solidarisch die Bevölkerung zu schützen – statistisch gesehen vorwiegend ältere Männer – und da denken sich zwei ältere Männer, weischwas, die belästigen wir jetzt verbal ein bisschen. Nicht, dass der Sexismus zu kurz kommt. Wo kämen wir denn da hin. Als meine Hafer-Latte-Macchiatos und ich zurückkommen, sind sie weg. Sonst hätte ich mich vielleicht rächen können, denke ich mir, indem ich ihnen das Gleiche antue. «Ey, Alte! Huere geil gsesch us hüt! Hot Dad Bod! Was luegsch so, ich mach der doch bloss es Komplimänt!» Ich stosse meine Wohnungstür mit der einen Hand auf, in der anderen meine Lattes, und denke: Der Bund hatte Recht. Zu Hause bleiben ist wirklich sicherer.

Info

Nicht für alle Frauen ist das Zuhausebleiben sicher. Bei Anlaufstellen wie der Beratungsstelle für Frauen findet ihr Beratung und Unterstützung, wenn euch Gewalt angetan wird.